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Du hattest einen Corona-Traum? Hirnforscher*innen wissen warum

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© Noel Nichols / Unsplash

Die Popularität des Hashtags #coronadreams zeigt, dass die Pandemie Menschen weltweit bis in den Schlaf verfolgt. Zahlreiche Twitter-User*innen teilen Alpträume, in denen sie sich in dichtgedrängten Menschenmengen wiederfinden oder erschrocken feststellen, dass sie ihr Haus ohne Mundnasenschutz verlassen haben. Aktuell erforschen Neurowissenschaftler*innen, warum wir im Lockdown nicht nur häufiger, sondern auch düsterer und skurriler träumen. Wie schon die alten Ägypter, antiken Griechen und Sigmund Freud, will die moderne Hirnforschung einem der rätselhaftesten Tricks unseres Bewusstseins auf die Spur kommen.

Steigende Traum-Inzidenz

Corona verändert unsere Träume. Laut einer italienischen Studie von Psychologe Maurizio Gorgoni und Kolleg*innen, sind Corona-Träume häufiger, emotionaler, lebhafter, skurriler und länger als jene davor. Die erhöhte Traum-Frequenz dient nicht nur dem emotionalen Gedächtnis und der Emotionsregulation, sondern sei auch auf den im Lockdown veränderten Schlafrhythmus zurückzuführen: Menschen, die mehr und schlechter schlafen, erinnern sich tendenziell häufiger an ihre Träume. Eine amerikanisch-deutsche Untersuchung im Mai 2020 zeigte außerdem, dass besonders Menschen die stark unter Covid-19 litten von mehr und vor allem negativeren Träumen berichteten.

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© Engin Akyurt / Unsplash

Frauen haben mehr Corona-Alpträume

Frauen und Männer sind von Corona-Träumen in unterschiedlicher Weise betroffen. In einer Studie kanadischer Forscher*innen rund um Erica Kilius, berichteten Frauen von mehr Alpträumen, besonders häufig drehten sich ihre Träume um Aggression. Eine Studienteilnehmerin erzählte, dass sie im Traum "von einer Dinosaurier-ähnlichen Kreatur gejagt" wurde, eine andere träumte, dass sie durch ein Labyrinth irrte, als sie plötzlich "etwas von hinten am Hals fasste". Eine mögliche Erklärung für diese gesteigerten Gewaltszenarien ist, dass Frauen überdurchschnittlich unter den Konsequenzen der Covid-19 Pandemie leiden, da sie häufiger im Pflegesektor tätig sind oder unbezahlte Arbeit leisten, wie zum Beispiel in der Kinderbetreuung.

Auch eine an der Harvard Medical School durchgeführte Studie fand heraus, dass die Träume von Frauen in Corona-Zeiten deutlich negativer geworden sind. Eine Mutter träumte zum Beispiel, dass sie von der Schule ihres Kindes aufgefordert wurde, die gesamte Schulklasse für die Dauer der Pandemie in ihrer Wohnung zu unterrichten.

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© Ann Danilina / Unsplash

Alle haben Alpträume, nur die Alpenbewohner*innen nicht

Übrigens haben sich auch der Schlaf und die Träume von Österreicher*innen in Corona-Zeiten verändert, allerdings interessanterweise – entgegen dem internationalen Trend – in eine positive Richtung. Die Psychotherapeutin Brigitte Holzinger und Forscher*innen der Medizinischen Universität Wien haben festgestellt, dass in den ersten Monaten des Lockdowns vor allem Frauen besser schliefen, und dass Österreicher*innen sich auch nicht häufiger an ihre Träume erinnern konnten als davor. Die Studienautor*innen spekulieren, dass manche Österreicher*innen endlich "dazu in der Lage waren, in der flexibler strukturierten Zeit Schlaf nachzuholen".

Göttliche Warnungen und Orakelsprüche

Träume faszinieren uns Menschen nicht erst seit Corona. Christine Walde von der Johannes Gutenberg Universität in Mainz erforscht, welche Bedeutung Träume in der Geschichte hatten. Im alten Ägypten, zum Beispiel, galten Träume als Kommunikationskanäle zwischen Diesseits und Jenseits. Über Träume schickten die Götter Vorhersagen und Warnungen, und gerade Pharaonen erhielten im Schlaf auffällig häufig überirdischen Zuspruch. So soll Pharao Thutmosis IV. am Fuß der Sphinx ein Nickerchen gemacht haben, und währenddessen im Traum göttliche Legitimation für seine Herrschaft erhalten haben. Frühe Spuren einer systematischen Traumdeutung finden sich in einem Papyrus aus den Jahren 1780-1570 v. Chr., das 227 Träume plus Interpretationen, Abwehrzauber und Anleitungen zur Traumdeutung enthält.

Im antiken Griechenland spielten Träume eine noch zentralere Rolle, auch Dramatiker*innen nutzen sie als Stilelemente. In Euripides Tragödie "Iphigenie bei den Taurern" sendet die mythische Urmutter Gaia den schlafenden Menschen anfangs noch unverschlüsselte Nachrichten, erst der launische Zeus entscheidet sich Trauminhalte hinter Symbolen zu verstecken. Die Traumdeutung, laut des antiken Traumlesers Artemidoros "die Königin aller Wahrsagekünste", haben wir laut griechischer Mythologie also dem Göttervater selbst zu verdanken. Artemidoros hinterließ uns umfassende Regeln zur Trauminterpretation: zum Beispiel signalisieren obere Körperteile wie Kopf und Augen hohen sozialen Status, und böse Omen kommen im Traum stets von links. Diese antiken Vorläufer heutiger Traumtheorien inspirieren knapp zweitausend Jahre später den berühmten Wiener Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud.

Verschlüsselte Botschaften aus dem Unbewussten

Für Sigmund Freud war sein 1900 erschienenes, 700-Seiten schweres Buch "Die Traumdeutung" sein wichtigstes Werk. Vier Jahre lang notierte und analysierte er fast 200 Träume, darunter viele seiner eigenen, und entwickelte dabei seine Traumtheorie. Obwohl er sich Ideen aus den Schriften altertümlicher Traumleser holte, stellte seine Herangehensweise alles bisher Dagewesene auf den Kopf. Entgegen dem damals vorherrschenden wissenschaftlichen Konsens sah Freud Träume nicht als arbiträre neurophysiologische Aktivität, und auch nicht, wie die antiken Ägypter und Griechen, als Omen der Götter. In Freuds Augen waren Träume Fenster in unsere Psyche. Diese Fenster zu öffnen sei die Aufgabe der Psychoanalytiker*innen. Sie hätten die Fähigkeit, die latenten, unterbewussten Wünsche in den freien Assoziationen der Träumenden aufzuspüren. (Freud wäre nicht Freud, wenn es sich dabei nicht häufig um erotische Wünsche gehandelt hätte).

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© Dan Asaki / Unsplash

Aber warum sind Träume überhaupt verschlüsselt? Laut Freud’scher Lehre ist hier nicht Zeus, sondern das Über-Ich am Werk, das die tiefsitzenden Wünsche zensuriert, und nur in Form von rätselhaften Symbolen an die Oberfläche treiben lässt. Laut dem Freud-Experten Jean-Michel Quinodoz übernimmt das Super-Ego die Doppelfunktion eines Karikaturisten, der inkohärente Fantasien in einem skurrilen Porträt vereint, und eines Regisseurs, der den zentralen latenten Wunsch dramaturgisch aufbereitet, wobei er ihn oftmals raffiniert in einem Nebenstrang der Traumhandlung vergräbt.

Nicht immer sind Träume so schwer zu deuten, wie eine Filmszene aus David Cronenbergs "Eine dunkle Begierde" zeigt. Übrigens ahnte Freud trotz seiner eigenen Pionierarbeit schon damals: "Tiefergehende Forschung wird eines Tages […] eine organische Basis für das mentale Ereignis finden."

Warum denkt sich das schlafende Gehirn Geschichten aus?

Freud sollte Recht behalten. Dank der modernen Hirnforschung wächst unsere Verständnis der physiologischen Grundlagen des Träumens stetig. Die Neurowissenschaftler Yuval Nir von der Universität Tel Aviv und Giulio Tononi von der Universität Madison-Wisconsin haben die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst. Zum Beispiel träumen wir eher gegen Ende der Nacht: in den ersten Stunden des Tiefschlafs ist unser Bewusstsein fast gänzlich abwesend. Weckt man Schlafende hingegen in den späteren REM-Schlafphasen, dann berichten die meisten von lebhaften Träumen.

Menschen mit ausgeprägter bildlicher Vorstellungskraft, also der Tendenz, Dinge "vor dem geistigen Auge" zu sehen, können sich öfter an nächtliche Träume erinnern. Dies könnte auch erklären, warum Kinder unter sieben Jahren, deren visuell-mentale Fähigkeiten noch in der Entwicklung sind, im Schnitt viermal seltener von Träumen berichten als Erwachsene, und warum früh erblindete Menschen wenige oder gar keine visuellen Träume haben. Ob und wie Tiere träumen, ist noch umstritten.

Wenn wir nicht während des Traums aufwachen, dann ist der Traum verloren, und selbst dann verblasst die Erinnerung schnell. Traumamnesie nennt das die Wissenschaft. Was für Freud ein Beweis für die Übermacht des repressiven Super-Egos war, erklären Hirnforscher*innen damit, dass das schlafende oder soeben erwachte Gehirn schlichtweg nicht gut darin ist, sich Erinnerungen einzuprägen.

Die wohl schwierigste Frage ist, warum wir überhaupt träumen. Psychoanalytiker*innen sehen das Unterbewusstsein am Werk, während Neurowissenschaftler*innen vermuten, dass die einen Hirnareale nebenbei bedeutungslose neuronale Aktivität produzieren, die von anderen Regionen erst im Nachhinein in Erzählungen verpackt werden.

Corona-Träume als mentale Trainingseinheiten

Der finnische Kognitionswissenschaftler Antti Revonsuo hingegen argumentiert für eine evolutionär-biologische Funktion des Träumens: die Umwelt unserer frühen Vorfahr*innen war voller Gefahren. Wer selbst die Schlafenszeit nutzte, um das richtige Verhalten für die nächste Begegnung mit einem Säbelzahntiger zu trainieren, war deutlich im Vorteil.      

Spielt die Simulation von Gefahrensituationen auch eine Rolle in Corona-Träumen? Die Studie eines finnisch-amerikanischen Forscherteams um Neurowissenschaftlerin Anu-Katrlina Pesonen unterstützt diese Hypothese. Viele der über viertausend Teilnehmenden berichteten, dass sie in den ersten Monaten der Pandemie öfter aufwachten und mehr Alpträume hatten. Laut Studienautor*innen könnten diese Träume, die sich häufig um Reiseschwierigkeiten, Menschenmassen oder Krankheitssymptome drehten, unter anderem dazu dienen, sich die neuen Social Distancing Maßnahmen einzuprägen.

Eine brasilianische Erhebung der Ärztin Natália Bezerra Mota und Kolleg*innen zeigte ebenfalls, dass Corona-Träume rund um die Angst vor Kontamination den Menschen halfen, die Covid-19 bedingten Veränderungen im Sozialverhalten zu verarbeiten.

Zweifellos hat Covid-19 unsere Wahrnehmung und unser Sozialverhalten maßgeblich verändert. Träume helfen uns nicht nur dabei, unsere Sorgen und Ängste zu verarbeiten. In ihnen üben wir auch, uns in einer neuen Welt zurechtzufinden.

Wien. Mehr Kultur.
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