NOCH MEHR KULTUR

Leine(r) ziehen - Ein Nachruf auf ein Warenhaus?

Haben wir uns gerade noch mit der Geschichte und dem kulturellen Einfluss der Einkaufszentren beschäftigt, ist eines davon auch schon wieder prominent in den Medien vertreten. Eine Kontroverse nimmt seinen Lauf.

Ausgangslagen

Der Leiner auf der Mariahilferstraße, 1895 als Warenhaus Zur großen Fabrik im Besitz von Stefan Esders eröffnet, musste der gewaltigen Wucht des Fortschritts (obwohl es manche Profitgier und Autokratie nennen) weichen. Vom "Warenhaus" zu "Da-war-ein-Haus". Die politischen Hintergründe und wütenden wie auch "pragmatischen" Nachrufe konnten in etlichen österreichischen Zeitungen nachverfolgt werden und besser als die Investigativkolleg*innen bekomme ich so eine Recherche selbstverständlich nicht hin - Addendum hatte bereits vor Jahren über den letzten Besitzwechsel berichtet.

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Der Leiner auf der Mariahailferstraße. Foto: C. Gajsek

R.I.P. Leiner…?

Diese Diskurse möchte ich anderen Stellen überlassen, denn mich interessiert ein gänzlich anderer Aspekt dieses Themas, und zwar die Emotionalität der Erinnerungskultur an ein Gebrauchsgebäude, dessen erster und im Endeffekt einziger Zweck die Generierung von Profit war. Und dabei möchte ich gar nicht auf das Für und Wider der ästhetischen Aspekte eingehen, ob man das Gebäude jetzt subjektiv rettenswert findet oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Das Faszinierende an diesem Fall ist tatsächlich, das ein gewisser Rollentausch stattfindet. Die "konservative" Seite der Diskussion, also Menschen, die vermeintlich daran interessiert sind, Dinge bewahren zu wollen, werden auf einmal zu Pragmatikern des Fortschritts. Wobei dies auch vielleicht dem heiligen Credo "Wer zahlt, schafft an" geschuldet ist, was durchaus mit anderen "Prinzipien" dieser Denkweise kollidieren kann und es auch immer wieder tut.

Auf der anderen Seite der Diskussion sieht es augenscheinloch ähnlich aus, liberale Stimmen stehen dem Ganzen eher kritisch gegenüber, in manchen Fällen schwingt sogar etwas wie Trauer mit, was hier allerdings auch mit einer persönlichen Aversion der Involvierten zusammenhängen könnte.

Wir sehen also, ein ganzes Bündel an Motivationen und Komplikationen kommt hier auf, ein wenig Rührseligkeit, ob der optischen Veränderung der alteingesessenen Mariahilferstraße. Veränderung ist oft nicht sehr willkommen, vor allem dann, wenn ihre Sinnhaftigkeit mit einem Fragezeichen zu versehen ist. Und wo ist eigentlich der Denkmalschutz?

Von Geländern und guten Zwecken

Normalerweise sind Kaufhausgeländer, mögen sie auch noch so schön gestaltet sein, nicht gerade Gegenstände, die das öffentliche Interesse auf sich ziehen, doch in diesem Fall verhält es sich ein wenig anders. Die Versteigerung des 320 Laufmeter langen Jugendstil-Geländers und das Spenden des Erlöses der Auktion an das Wiener Hilfswerk kann nur als Message Control bezeichnet werden. Um die erzürnten Stimmen und aufgebrachten Wiener Seelen zu befriedigen, scheint man der Meinung zu sein, das schwere, Nebengranaten abfeuernde Geschütz der Wohltätigkeit auffahren zu müssen. Der neue Stil jetzt auch in der Privatwirtschaft? Auf jeden Fall - oder, auf keinen, sollen Geländer, das Fallen ja verhindern - lassen sich hier ebenfalls viele interessante Beobachtungen machen. Trauer um ein Geländer, das Halt gespendet hat, zum Anhalten da war und Assoziationen mit Grenzen, Beschränkungen, die Verbindung von Geländern und Identitäten und Verlusten derjenigen etc., etc. Naja, das Geländer war eh nicht original, sondern eine Nachrüstung von 1912…

Ich glaube, man kann behaupten, dass es gewisser Maßen ein Zeichen unserer unsicheren Zeit ist, dass der Abriss eines Warenhauses so viel Interesse generiert. Man bekommt vor Augen geführt, wie wenig man eigentlich unter Kontrolle hat und das Veränderung unweigerlich kommt, ob man will oder nicht und auch oft zu ungelegenen Zeitpunkten. Und ja, da trauert man auch schon mal um ein Warenhaus.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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