NOCH MEHR KULTUR

Kochen, Corona und Judith Butler

"Ein Tag ohne Brot ist lang", so besagt ein russisches Sprichwort. Und weil die Tage in der Isolation des Lockdowns besonders lang waren, reichte da auch kein normales Brot mehr, oh nein! Es war das Bananenbrot, das sämtliche Lifestyleblogs und Haushalte eroberte. Der Siegeszug des kulinarischen Selbsterhalts und auch der Selbstfindung fuhr in den Bahnhof Gesellschaft ein.

Es köchelt

Es ist sicher interessant zu beobachten, dass während der gefühlt unzähligen Lockdowns eine ganze Reihe an Trends entstanden ist, die, trotz der physischen Trennung der Leute, doch so etwas wie eine "Wir-Gefühl" ausgelöst hat, beziehungsweise ersetzt haben könnte. Einer dieser Trends war es, nicht nur kompliziertere Rezepte zu kochen, sondern dies auch mit anderen zu teilen, alles genau zu dokumentieren. War Essen und Kochen auch schon vorher ein komplexes Gesellschaftsthema, so wurde dies nun noch einmal verstärkt, da man nun vergleichen, mitkochen, "mitkochen" und sich inspirieren lassen konnte. Was in anderen Küchen vorging war nicht mehr nur Spekulation, sondern multimedial aufbereitete Tatsache, so scheint es. Ob von so manchen ein wenig geflunkert wurde und einer der dutzenden, neuen Takeaways hinzugezogen wurde, weiß niemand. Koch-Neid(?) und Gerüchte gibt es sowieso, eh klar, dass sich in unserer kompetitiven Gesellschaft auch hier Konkurrenzdenken einschleicht. Mich jedoch hat das Ganze nicht wirklich berührt, muss ich sagen, im Guten wie im Schlechten.

Instant Ramen, where are thou?

Ich weiß, als moderner Mann sollte man an sich veraltete Denkmuster und auch damit einhergehen überholte und konstruierte Geschlechterrollen überwinden und ich muss hier leider zugeben, dass, obwohl ich Judith Butlers Bücher gelesen habe, bis heute nicht wirklich kochen kann. Doch was heißt eigentlich "kochen können" und wie ist es mit "kochen wollen" verbunden? Ich denke, wie Butler in Bezug auf sowohl soziales als auch biologisches Geschlecht konstatiert, das "Kochen" eine Kontext basierte Konstruktion ist. Ist es Kochen, wenn ich den Wasserkocher einschalte und dann das siedende Wasser über Nudel gieße, diese dann 5 Minuten ziehen lasse und anschließen zwei Beutel mit Gewürzen drüberstreue? Man könnte sagen ja, aber ich denke von vielen wird es wohl eher nicht als "echte" Zubereitung einer Mahlzeit verstanden. Aber ist dies wirklich so einfach quantifizierbar? Ich bin am Ende dann doch satt und habe eine warme Mahlzeit produziert. Vielleicht liegt es auch am Wissen um den Vorgang, also wie die Mahlzeit zubereitet wurde, das die Wahrnehmung hier beeinflusst.

Kochclusio

Man merkt also, ich habe eindeutig ein wenig ein schlechtes Gewissen, wenn hier solche Mentalgymnasien eröffnet werden. Ob dieses schlechte Gewissen nun begründet ist, kann ich nicht beantworten. Ich mag Ramen immer noch und es ist ja nicht zu spät für mich, kochen zu lernen, denke ich. Vielleicht auch nicht. Ich esse sowieso lieber, als das ich koche. Und außerdem bedeutet das Hinterfragen von Geschlechterrollen ja nicht unbedingt einfach alle Eigenschaften zu übernehmen, die einem traditionell nicht zugeschrieben werden, da wir dann ja wieder in der cis-heteronormativen Binärität gefangen sind, beziehungsweise uns selbst nicht aus dem Gefängnis hinaustrauen, sondern lediglich die Zelle wechseln und dies fälschlicherweise als Ausbruch deklarieren. Vielleicht bleibe ich bei Ramen, aber füge einfach frische Zutaten hinzu? Denn wer macht, Hand aufs Herz, schon seine Teigwaren selbst? Und vielleicht finde ich mich selbst in der Einfachkeit wieder?

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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