Zum Einfluss orientalischer Musik auf das Abendland

leftalive01Bekanntermaßen vertreten überzeugte Anhänger einer Islamisierung der abendländischen Kultur die Ansicht, dass die orientalische Kultur keine wesentlichen Verbindungen zu unserer hätte. Die Argumentation, der Einfachheit halber so genannt, beschränkt sich darauf, fremde mit europäischen Kulturen oberflächlich zu vergleichen und im nächsten Schritt zu diffamieren. Namen der üblichen Verdächtigen wie Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart werden genannt, wenn es um die Hervorhebung der eigenen, abendländischen Musik geht. Meine Erfahrungen basieren hierbei auf leider viel zu oft geführten Diskussionen in den Kommentarsektionen von YouTube, Facebook, etc. Von mir getätigte Kommentare unter rechtspopulistischen Videos wurden von allen Seiten angegriffen, nur vergeblich auf sachlicher Ebene. Persönliche Angriffe, manchmal unterschwellige, manchmal weniger subtilere Drohungen wurden verkündet und nichts trug der ursprünglichen Diskussion bei. Am Thema vorbei wurden Thesen in den Raum geschmissen, die jeglichen argumentativen Zusammenhang haben vermissen lassen. Eine von diesen möchte ich zuerst alleine aus dokumentarischen Gründen vorstellen und stark komprimiert Stellung zu dieser beziehen. Dazu gesellt sich der verzweifelte Versuch, der permanenten Sturheit solcher Ideologien, mit einer informativen und sachlichen Auseinandersetzung, etwas entgegenzusetzen. Sei es, um Menschen mit ähnlicher Ansicht, neue Anhaltspunkte für ihre Argumentation geben zu können.

Ein Zitat aus einer YouTube-Diskussion:

"Typisches linkes Affengeplapper. [...] Die geistig befruchtendste Musik kommt aus Europa. Nämlich die Klassische Musik. Und die gab es schon, da haben die Neger in Afrika noch nicht mal auf Buschtrommeln rumgeklopft. Beethoven, Vivaldi, Bach, Wagner, Mozart, Tschaikowsky, Brahms etc... Es ist bewiesen, dass Klassik auf den Geist am besten einwirkt. [...]"

Ohne jegliches Hintergrundwissen werden Thesen aufgestellt, die am Kern der Sache vorbeiführen, nämlich dem historischen Einfluss arabischer Musik auf die abendländische Musik. Als Basis für die arabische und die abendländische Musik fungiert die griechische Musiktheorie, welche zu jener Zeit eine ausgeprägte Breite an Ideen und Gedanken aufwies. Abseits dessen, dass selbstverständlich beide Strömungen diese Grundbasis an jeweils ihre kulturelle Prägungen angepasst und neue Konzepte entwickelt haben, kann man Einflüsse auf die europäische Musik nichtsdestotrotz ausmachen.

Eine schwer verfolgbare These ist, dass die Europäer durch die Werke des muslimischen Philosophen und Gelehrten al-Fārābī und des persischen Universalgelehrten Ibn Sina auf die Methode zur Berechnung der konsonanten Terz gestoßen sind. Dass die Bedeutung der Terz in der tonalen Musik eine äußerst wichtige Rolle spielt, wird niemand abstreiten können. Auch für die Kompositionsform des Kanons sind Terzbildungen prägend und wurden von Johann Sebastian Bach zu ihrem technischen Höhepunkt geführt. Eine weitere Annahme beschreibt die Auswirkungen der abendländischen Beschäftigung mit der arabischen Rhythmik auf die Entwicklung der mittelalterlichen Mensuralnotation, einer Grundlage unseres heutigen Taktsystems. Doch wie gesagt sind dies bisher musikethnologische Vermutungen, die aufgrund der problematischen Aufzeichnungen nicht einfach belegbar sind.

Einen deutlich nachweisbareren Einfluss hatte die arabische Musik auf die Entwicklung von Musikinstrumenten, die meistens über Spanien nach Europa kamen. Instrumente wie die Gitarre, die Mandoline, die Rehab (Vorläufer der Violine), die Querflöte, die Trompete, das Horn und das Tamburin finden ausgeprägte Ursprünge unter Anderem im Morgenland. Und neben einer interessanten, klanglichen Ähnlichkeit in der arabischen und der abendländischen Solmisation (Benennung einer Tonreihe), hat die europäische Militärmusik ihren größten Einfluss durch die Osmanen erfahren. Abschließend eine ergänzende Bemerkung zu obigem Kommentar. Zentralafrikanische Völker haben bereits lange vor der abendländischen Musik komplexe musikalische Strukturen wie die Polyrhythmik entdeckt, die erst im 20. Jahrhundert starken Einfluss innerhalb der Neuen Musik durch Steve Reich und György Ligeti erreichte.


1: Amnon Shiloah: "Arabische Musik" in "Die Musik in Geschichte und Gegenwart – Band I"
2: Issam El-Mallah: "Arabische Musik und Notenschrift"