MUSIK

Unser geliebtes Städtische Schweineschlachthaus

JOSÉ GONZÁLEZ, Sohn argentinischer Einwanderer, wurde 1978 in Göteborg geboren. Seine sanfte Musik wird gern in Werbespots oder TV-Serien verwendet – man denke an Songs wie "Crosses" oder "Heartbeats". Warum? Sie lullt wahnsinnig schön ein.

José González photoby Malin Johansson-1 kleinJosé González, Foto: Malin Johansson

WOHLFÜHL-KONZERT AN EINEM WOHLFÜHL-ORT

Der schwedische Sänger und Songwriter gastierte im September in der WIENER ARENA. Auf der großen Open-Air-Bühne mit kleinem Podest, Mikro, Stuhl. Darauf González  mit seiner Gitarre. Kein Schnickschnack, sondern bescheiden und reduziert. Mehr braucht es bei ihm auch tatsächlich nicht.

Die Stimmung an diesem Abend ist vor allem von Gemütlichkeit und Wohlgefühl geprägt, da haben allerdings schon die Vorbands BEDOUINE und BLACK SEAH DAHU mit ihren hinreißenden Auftritten Vorarbeit geleistet. Bis dann José González die Bühne betritt, bei dem dann auch die letzten Personen im Publikum verstummen, weil es nun vermeintlich darum geht, die Augen zu schließen, zu schunkeln und zu genießen. Während er singt und spielt ist alles stumm. Als ob die BesucherInnen höchstkonzentriert lauschen, um ja keinen zarten Ton zu verpassen. Ich muss schmunzeln, sehe mich um und denke daran, wie gern ich hier bin, in der Arena Wien.

20795194906 52d6d7c6f8 oDie Arena Wien. Foto © mikasoikkeli, flickr

Mein allererstes Konzert war ein Auftritt der Band Die Ärzte in der Arena im Jahre Schnee. Ich war 14 Jahre jung und begeistert. Seitdem bin ich regelmäßig Gast hier an diesem Ort, mit dem ich so viele schöne Erinnerungen verbinde.

Die Arena Wien präsentiert sich als "Österreichs größtes alternatives Kultur- und Kommunikationszentrum". Sinn und Zweck des Ganzen? Förderung und Verwirklichung von Kultur-, Jugend-, Kommunikations- und Sozialarbeit. Sie gilt als Plattform für Konzerte, Clubbings, Partys, Festivals, Freiluftkino und vieles mehr – und sitzt in einem ehemaligen Schlachthof im 3. Wiener Gemeindebezirk.

DIE FRAGE NACH DER ENTSTEHUNG

Wir spulen zurück in das Jahr 1970. Im Rahmen der Wiener Festwochen gibt es mit der "Festwochen-Arena" oder "Arena 70" den, sagen wir einmal alternativen Sidekick. Die Avantgarde wird geladen: H.C. Artmann, Alfred Kolleritsch, Gerhard Rühm und Erich Fried sind nur ein paar Gestalten der langen Name-Dropping-Liste. Gründer und Leiter der "Arena 70", Wolfgang Lesowsky, startet danach in Eigenverantwortung die nächste Ausgabe im ehemaligen Varieté Casanova. Problem: Das Publikumsinteresse ist kleiner geworden, die Schulden hingegen größer.

DIE FRAGE NACH DEM ORT

Im Zeitraum 1971 bis 1974 führen die Wiener Festwochen unter dem Titel "Arena" ein Avantgardetheater an verschiedenen Plätzen weiter, ab 1975 finden die Aufführungen im ehemaligen "Auslands-Schlachthof Sankt Marx" statt. Geplant ist, dass 1976, nach Ende der Veranstaltungsreihe, die dortigen Gebäude abgerissen werden, um einem Textilzentrum zu weichen. Reaktion: massive Proteste. Wien in den 1970er-Jahren ist nicht gerade "the place to be" für Jugend- oder Gegenkultur; wie geistlos wäre es dann also, das einzig dafür geeignete und vielversprechende Fleckchen wegzureißen?

AktivistInnen, die "Arenauten", besetzen das Areal zur Rettung des Auslands-Schlachthofs. Abgesehen von deren bedrohtem Ideal in Sachen Kulturarbeit, gelten die Bauten des Schlachthofs als architektonisch wertvoll und denkmalschutzwürdig. Große Teile der Bevölkerung unterstützen die Forderung, das Gelände als Kulturzentrum zu erhalten. Problematisch ist jedoch, dass dieses bereits fest einer Textilkette zugesichert ist.

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Die Arena Wien. Foto © mikasoikkeli, flickr

LEONHARD COHEN HATTE RECHT

Oktober 1976: Abriss des "Auslands-Schlachthof Sankt Marx". Heute befindet sich dort das Modecenter (MGC). Eigentlich schade. Die schöne Wendung: Die Stadt Wien stellt der Arena den nördlich benachbarten ehemaligen "Inlands-Schlachthof" (um 1910 als "Städtisches Schweineschlachthaus" errichtet) zu Verfügung. Nun steht sie seit 1977 dort, die Arena Wien. Meine, eure, unsere Arena. Die Institution ist beispielhaft, wenn es um alternative Kulturarbeit geht – auch heute noch. Das finden nicht nur wir. Angeblich bezeichnete einst Leonhard Cohen die Arena als "best place in Vienna". Wir finden, da hatte er Recht.

Nach meiner Schmunzel-Parade und dem gedanklichen Abschweifen finde ich mich plötzlich wieder bei José González , der gerade beginnt, ein Beatles-Cover von "Blackbird" zu spielen. Ok, der Abend kann jetzt wirklich nicht mehr schöner werden.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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