MUSIK

Dungeonsynth: ein vergessenes Genre

Musikgenres haben lange Zeit darauf vertrauen müssen, dass zumindest einige wenige ihrer Vertreter*innen in die Nähe des Mainstreams kommen. Wie es in etwa mit Skrillex in den 2000ern geschehen ist, der jedem noch so großen Elektronik-Muffel beigebracht hat, was "Dubstep" ist. Das Genre "Dungeonsynth" hätte diese Erfolgsgeschichte in den 90er Jahren erleben müssen, doch erst knapp 20 Jahre später sollte es sich durch die Einfachheit neuer Distributionsmedien, dabei allen voran "Bandcamp", eine fixe Nische in der Musikwelt erobern.

Ein Genre aus der Vergangenheit

Über die eigentliche Herkunft des Genres gibt es viele Theorien. Mal war es der Umstand, dass der wegen Mordes verurteilte Künstler Kristian "Varg" Vikernes - bekannt aus dem Film "Lords of Chaos", der wiederum auf einer literarischen Aufarbeitung gleichen Namens der Geschichte der Band Mayhem basiert - im Gefängnis nicht auf reguläre Instrumente zurückgreifen konnte und so aus der Not heraus ein Album gänzlich mit Synthesizer aufnahm. Wenn dies die einzige Herkunftsgeschichte des Genres wäre, wäre eine gewisse Skepsis, ob der politischen Affiliation Vikernes wohl angebracht. Hierbei würde man aber vernachlässigen, dass es beinahe zeitgleich und mitunter auch früher andere Künstler gab, die sich von Rollenspielen, Mythen und einer Prise Melancholie zu sphärischen Klängen düsterer Synthesizer inspirieren ließen. "Mortis", sowohl ein Nebenprojekt als auch Pseudonym des ehemaligen Emperor-Gitarristen Håvard Ellefsen, ist dermaßen prägend für diesen Musikstil gewesen, dass kein Artikel ohne seine Erwähnung auskommt. Sein Demo-Album " THE SONG OF A LONG FORGOTTEN GHOST" aus dem Jahre 1993 griff in der Entwicklung der Musik weit vor und beinhaltete Elemente, die "Dungeonsynth" als Genre definieren sollten.

dungeonsynth
Mortis, ursprüngliches Albumcover von "The Song of a long forgotten Ghost"

Was ist Dungeonsynth?

Doch ein Genre anhand von einflussreichen Interpret*innen (unter denen sich auch einige österreichische Künstler*innen befinden, zum Beispiel Grabesmond) und wichtigen Alben zu besprechen ist nur ein bloßes Herunterrattern von Zahlen, Daten und Fakten, womit man einer Kunstform, die von Atmosphäre lebt, nicht gerecht werden kann. Auch Fachsimpelei, nach der "Dungeonsynth" ein Subgenre des "Dark Ambient" ist, hilft hier wenig. Am ehesten lässt sich diese Musik als Instrumentalmusik mit breit gefächerten Themengebieten beschreiben. Oftmals sind es erfrischende 80er Synthesizer, die dröhnend von Unheil und Geheimnissen, dunklen Burgen und verwunschenen Wäldern erzählen. Aber auch von Abenteuern und Entdeckerlust handeln die Lieder, vom Mystischen, aber auch irgendwie Heimeligen.

Freud hätte seine Freude damit. Es ist schlichtweg DIE Musik der Pen and Paper Rollenspiele, die auch wunderbar als Stimmungseffekt bei diesen eingesetzt werden kann. Ja, es gibt bereits Alben, die direkt als Konzeptalbum zu Fertigabenteuern dazu komponiert werden. Doch auch die Optik der Albencover ist ein essenzieller Bestandteil des Appeals und der Identität dieses Genres. Diese wirken oftmals ganz bewusst wie selbstgezeichnete Karten und Abenteuerillustrationen aus den Kindertagen, oftmals mit mehr Enthusiasmus als künstlerischen Verständnis, dafür aber mit umso mehr Ehrlichkeit gestaltet.

Für mich persönlich hat dieses Genre ganz neue musikalische Wege eröffnet, perfekt zum Lesen oder durch Wälder spazieren, diese Geräuschkulissen, die sich einem/einer* hier bieten. Falls jemand durch meine Begeisterung angesteckt wurde, dann kann ich nur den Youtube Kanal  THE DUNGEON SYNTH ARCHIVES zur Vertiefung in die unglaublich große Welt dieses kleinen Genres empfehlen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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