MUSIK

Jóhann Jóhannsson. Ein Reisender

Auch wenn der in Island geborene Jóhann Jóhannsson durch seinen plötzlichen frühzeitigen Tod keine lange Karriere im Film- und Musikgeschäft hatte, so hinterließ er doch unverwechselbare Musik, die sowohl Action-, als auch Science-Fiction- und Horrorfilmen ihren ganz eigenen Charme verlieh. So unterschiedlich diese Filme sind, so vielseitig war auch das Gesamtwerk des viel zu wenig beachteten Ausnahmekünstlers, dessen Einfluss auf andere Künstler*innen noch lange zu spüren sein wird.

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Foto © Jónatan Grétarsson / DG

Anfänge, Durchbrüche und Auszeichnungen

Jóhannsson machte bereits seit den späten 80ern Musik und veröffentlichte 2002 sein erstes Soloalbum "Englabörn". Seine ersten Arbeiten in Zusammenhang mit visuellen Medien waren zunächst kleinere isländische Produktionen wie die Serien "Dís" (2004), "Svartir Englar" (2007) und "In the Arms of my Enemy" (2007), ebenfalls zu erwähnen ist der sehr gelungene Film "The Miners' Hymns" (2011).

Internationale Bekanntheit erlangte Jóhannsson im Jahr 2013 mit seiner Musik zum Thriller "Prisoners" unter der Regie von Denis Villeneuve, mit dem der noch zwei weitere erfolgreiche Filme, "Sicario" (2015) und "Arrival" (2016) drehen sollte. Der von ihm komponierte Soundtack brachte ihm mehrere Nominierungen bei namhaften Preisverleihungen ein. 2015 gewann er für seinen Score zu "The Theory of Everything" den Golden Globe in der Kategorie "Beste Filmmusik". Mit "End of Summer", der im Format Super 8 gedreht wurde, stand er 2016 schließlich selbst hinter der Kamera.

"Sicario", "Arrival" und "Mandy"

Die Verschmelzung von klassischer Orchestermusik und modernen Elektronikelementen verleiht seiner Arbeit einen einmaligen Wiedererkennungsfaktor. Gleichzeitig warme und kalte Klänge verschmelzen zu einem größeren Ganzen, dass mehr als die Summe seiner Teile ausmacht. Seine Musik untermalt Filme nicht nur, sie sind ein fester Bestandteil ihrer Identität. "Sicario", ein Actionfilm im Drogenkriegsmilieu im Grenzgebiet zischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, lebt von den bedrohlichen Bässen, dem erwartungsvollen Trommeln, der unheilvollen Spannung, welche die Streicher vor der Gewalteskalation aufbauen.

Eine gänzlich anderer Herangehensweise wurde bei "Arrival" gewählt, denn dieser Science-Fiction-Film, dessen Hauptthema Verständnis und nonverbale Kommunikation ist, lebt vom Mysteriösen, Schattenhaften und Unsicheren, vom gewaltigen Epochalen, als die Schiffe der Außerirdischen zum ersten Mal zu sehen sind. Genauso wie die Kommunikation mit den Außerirdischen ohne Worte auskommen muss, so kommuniziert auch Jóhannssons Soundtrack mit dem Publikum rein mit Tönen und sagt dabei so viel. Mehr vielleicht als mit reiner Sprache möglich ist.

Wiederrum ganz anders ist Panos Cosmatos "Mandy" (2018). Ein Fiebertraum voll Wut und Trauer, aber anders als bei "Sicario" ist es keine militärische, präzise gelenkte Wut im Sinne Nietzsches, könnte man sie apollinisch bezeichnen, sondern ein chaotischer, dionysischer Zorn, der unnachgiebig wütet. Doch auch Momente der Ruhe und Introspektion kommen im Film vor. Doch anders als die in der Realität verankerten Momente bei "Arrival"  sind es gänzlich entrückte, spirituelle Momente der Epik, die "Mandy" prägen.

Filmmusik wird viel zu oft als reiner Score verstanden, eine Reihe von bereits bekannten Liedern, die im Film eine gewisse Rolle spielen. Doch das wahre Rückgrat eine Filmproduktion ist ihr Soundtrack, der die visuellen Elemente erst zusammenfügt und zu einem großen Ganzen werden lässt, wie auch erst Zeichen am Ende eines Satzes die Unterscheidung von Aussage und Frage herstellen. Jóhann Jóhannsson war nicht nur ein Reisender durch Genres, sondern auch ein Reisender durch die Musik selbst, welche für ihn immer das Reisen-in-sich darstellte.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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