Dubstep – Eine persönliche Retrospektive

Es gibt wenige Musikgenres, die sich durch ihr Bekanntwerden derart verändert haben wie Dubstep. Während das Genre den größten Teil der 2000er im Untergrund verblieb, war es erst 2010, dass es durch Skrillex und Konsorten weltweite Bekanntheit erlangte und sich gleichzeitig, durch den Eintritt in den Mainstream, veränderte. Für mich waren Producer wie Katharsys, Current Value, Neutral Point, Noisia und Counterstrike typisch für diesen Musikstil, doch waren sie nur Teil einer kleinen Sparte des Genres, was ich erst spät herausfand.

Illusionen, Geister, Spuk und elektronische Musik

Ich war mir immer recht sicher zu wissen, was Dubstep ist. Was seine Genrekonventionen betrifft und den allgemeinen Sound sowie die Philosophie des Genres. Rückblickend (oder -hörend) habe ich unzählige Nächte in der Arena beim "Mainframe", was zwar eher Drum'n'bass-lastig war, aber dennoch immer auch einen "Dubstep-Floor" hatte, und anderen derartigen Veranstaltungen verbracht. Ich erinnere mich aber nicht nur an die Musik, das Tanzen, das Event selbst, sondern auch an die danach umso einsamer wirkenden Fahrten nachhause. Ich höre zwar bis zum heutigen Tag hier und da einen Dubstep-Track, aber die Begeisterung der späten 2000er und frühen 2010er Jahre ist nicht mehr so vorhanden, das heißt war nicht mehr vorhanden, bis ich ein Buch in die Hand nahm, das mich einerseits an diese musikalische Phase von mir erinnerte, mir andererseits auch klar machte, wie klein meine Welt in Sachen Dubstep doch war.

Dass mein typisches Verständnis des Genres sich auf eine sehr späte Spielart beschränkte, die den meisten Fans der ersten Stunde verhasst war und das vieles, was für mich Dubstep ausmachte, als "Brostep" - sprich, als oberflächlicher, machismobehafteter Nonsense bezeichnet wurde; nicht unbedingt die Künstler, die ich oben bereits erwähnte, aber es war doch immer in der Nähe. Es war Mark Fishers "Ghosts of my Life", das mir erst wirklich die Komplexität und die unglaubliche Artenvielfalt des Dubstep eröffnete, mehr als eine Dekade posthum dieser Community und drei Jahre nach dem Tod Fishers. Ausgerechnet einer der modernen Vertreter der Hauntology und Kritiker des "kapitalistischen Realismus" rief, nach seinem eigenen Ableben, die Geister meiner Vergangenheit und beschwor sie im Industrieviertel Wiens, in den alten Schlachthöfen in St. Marx, in Nachtbussen quer durchs noch schlafende Wien.

"Burial" und die Erinnerung an die graue Großstadt

Sinnhafter als ausschweifende, stundenlange Beschreibungen des Genres, ist es zwei Alben vorzustellen (und sich am besten auch anzuhören), die das Gefühl des Dubstep wie kaum ein anderes Stück Musik verinnerlichen. Burials selbstbetiteltes Album und das Zweitwerk "Untrue" sind die musikalische Quintessenz dessen, was Mark Fisher versuchte als Text auszudrücken. Das Gefühl des einsamen, stillen Nachtbusses, der Blick aus dessen Fenstern auf die dunkle, graue Stadt, die tief schläft, während man selbst noch einen langen Weg heim hat. Der Regen des letzten Herbstes, der kaum Erinnerung findet. Das geniale Interview Fishers mit Burial in der Musikzeitschrift "The Wire" wird wohl immer für mich die Messlatte für Musikinterviews bedeuten, der Standard, an dem ich derartige Interviews messe.

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Cover von Burials zweitem Album "Untrue", das der Künstler übrigens selbst gezeichnet hat
© Burial / Hyberdub

Hier wähnt Fisher auch, dass Burials Musik führ ihn sehr spezifisch ist, was die geographische Beziehung angeht, Süd-London Note für Note, Sekunde für Sekunde. Eine Dokumentation, die das Interview in ein breiteres Spektrum einfügt, ist auf Youtube unter dem Titel "All My Homies Hate Skrillex. A story about what happened with dubstep" zu finden.

Von Süd-London zurück nach Süd-Wien, St. Marx, in die Arena, den alten Schlachthof, die Busstation, die vergilbten Oberleuchten der abgeriegelten U-Bahn-Station. Graffiti und Unrat, Müdigkeit und Klingeln in den Ohren. Beinahe schon Sonnenaufgang, beinahe schon Sonntag.