MUSIK

Guten Tag, guten Tag...

»...Ich will mein Leben zurück!« – Auch, wenn der Kontext, in dem diese Worte im vielleicht bekanntesten Lied der Band Wir sind Helden fallen, ein anderer ist, gerade jetzt kann man sich mit der Zeile durchaus identifizieren. Immerhin, während man weiter auf die Wiederkehr des Alltags wartet, bietet das Buch, das die Gruppe 2008 publizierte, an düsteren Pandemienachmittagen ausgezeichnete Ablenkung und wohltuenden Optimismus.

Endlich ein Grund zum Lesen

In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es einen offenen Bücherschrank, der in den letzten Monaten zum Highlight der Spazierrunde geworden ist, die ich an jedem Homeofficetag ein- bis dreimal beschreite. Wie das so ist mit offenen Bücherschränken, birgt der Blick hinein jedes Mal eine Überraschung. Oft gibt es nur zerlesene Rosamunde-Pilcher-Romane, abgegriffene Latein-Lehrbücher und Band 2 und 5 einer beliebigen Brockhaus-Reihe aus dem Jahr 1987. Manchmal gibt es Sachen wie Homers Ilias oder einen Ödön von Horváth, den man dann, halb aus aufrichtigem Interesse, halb aus literarischem Pflichtbewusstsein – Stichwort »Kanon« –, mitnimmt, wenn sie nicht zu abgefuckt oder in Kurrentschrift gesetzt sind. Und manchmal gibt es echte Glücksgriffe, wie zum Beispiel diesen.

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Aus dem offenen Bücherschrank. Foto: J. Herrele

»Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen« lautet der – zugegeben eher klobige – Titel, unter dem die Band Wir Sind Helden im Jahr 2008 im Fischer Verlag eine Mischung aus Autobiografie und Tourtagebuch veröffentlichte (nur noch antiquarisch erhältlich, oder halt in offenen Bücherschränken). Inhaltlich gestaltet sich das so, dass im Zentrum des Buches, gewissermaßen als »Urtext«, sämtliche Einträge aus dem Online-Tourtagebuch der Helden stehen, eingebettet in später hinzugefügte Kommentare der Band und ihrer Wegbegleiter. So wird die Geschichte der Band chronologisch vielstimmig aufgerollt, vom Kennenlernen der Mitglieder 2001 in Hamburg bis in die Gegenwart der Publikation im Jahr 2008. Dazu kommen Schnappschüsse aus dem Studio und von der Bühne, Scans von Veranstaltungsflyern, Songtext-Notizen und so weiter. Was entsteht, ist ein atmosphärischer, persönlicher und vor allem fröhlicher Flickenteppich, der im Jahr 2021 gelesen, ein wohlig-nostalgisches Gefühl der Unbeschwertheit bei der Leserin hervorruft. Je mehr sich das Buch der Gegenwart annähert, desto knapper werden die originalen Tagebucheinträge, die Band hatte wohl immer mehr zu tun, und immer weniger Zeit dies im digitalen Tagebuch festzuhalten. Dem Lesespaß tut das keinen Abbruch.

Naughties Nostalgie: Die Zeit heilt alle Wunder

Während die Helden locker-flockig ihre Entwicklungsgeschichte erzählen, erfährt man allerlei Interessantes der Kategorie »unnützes Wissen«. Etwa, dass die Computerstimme am Anfang von »Denkmal« tatsächlich eine echte SMS-Nachricht ist, die an Judith Holofernes' Festnetznummer geschickt wurde und vom Anrufbeantworter (ja, im Jahr 2002 hatten unter-30-jährige Privatpersonen Anrufbeantworter!) ausgelesen wurde. Überhaupt, die frühen Nullerjahre! Die Erzählungen der Helden versetzen die Leserin zurück in eine völlig andere Zeit, vor Smartphones (wir erinnern uns: das erste iPhone kam 2007 auf den Markt) und Social Media. In eine Zeit, in der MTV noch öffentlich empfangbar und für die Musikindustrie irgendwie relevant war! Als die Zukunft noch heller leuchtete – man denke sich nur, das Buch entstand noch vor der Finanzkrise von 2008! Hach. Erst gegen Ende wird die sich einschleichende Krise der Musikindustrie zum Thema. Bis dahin ist es eine wunderbare, fröhliche Nostalgiereise durchs erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends und durch das Schaffen einer der besten deutschen Pop-Bands aller Zeiten.

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Wir sind Helden auf der Bühne. Foto: Yoshi

Etwas besseres als die enthusiastischen Betrachtungen einer 26-jährigen Judith Holofernes hätte mir zu diesem Zeitpunkt wohl nicht unterkommen können. Die herzlichen Beschreibungen der zahlreichen Konzerte, und das glückliche Staunen darüber, wie viele Leute dieses Mal wieder gekommen sind, der Spaß, den die Gruppe zu haben scheint – das zu lesen, macht fröhlich und reißt mich auch als Nicht-Musikerin mit, die keine Ahnung hat, wovon die eigentlich sprechen, wenn es etwa um die Problematik von Studioaufnahmen vs. live spielen geht. Die späteren Teile des Buches sind auch interessant, der wahre Reiz liegt für mich aber in der Beschreibung der früheren Phase der Band, die sich in den ersten beiden Dritteln abspielt.

Akustische Untermalung: Von hier an blind

Und: Ich habe die Helden wiederentdeckt! Seit ich über das Buch gestolpert bin, laufen sie bei mir zuhause quasi in Dauerschleife. Das liegt nicht nur an den mitreißenden Melodien und Judith Holofernes' ätherischer Stimme, sondern vor allem auch an den Texten, die noch schöner und besser sind, als ich es in Erinnerung hatte. Und man findet auch immer etwas, das wunderbar zur aktuellen Lage passt: Anfang März 2020 hatte ich aus bekannten Gründen das Lied »Endlich ein Grund zur Panik« im Kopf, mittlerweile sind wir wohl eher »Von hier an blind«.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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