AUF REISEN

Post aus: Lissabon

Lissabon Bim klein
Lissabon, Foto: M. Schwarz

Lissabon, auf Portugiesisch "Leesh-boa", leuchtet in bunten Pastellfarben, riecht nach Kork, und schmeckt nach süßem, schwerem Portwein. Die hügelige Stadt liegt im Süden Portugals, wo sie ihre Zehen in den eiskalten Tejo streckt, der sich gen Westen in den Atlantik ausweitet. Der Autor Erich Maria Remarque nannte sie das "Märchen einer Stadt". Wenn ihr wollt, dann erzählen wir euch ein bisschen davon?

Alfama

Als ich mich durch die steilen, engen Gassen der Lissaboner Altstadt Alfama schlängle, stolpere ich über Pflastersteine. Mein Blick ist nach oben gerichtet, ich versuche mit der Kamera einzufangen, was mit der Kamera nicht einzufangen ist: die warmen Himbeer-, Pfirsich- und Zitronen-Töne der winzigen Häuser, zum Beispiel, dicht an dicht gedrängt, so nah, dass sich Seniorinnen über die Straße hinweg unterhalten, von einem Haus direkt ins nächste hinein. (Zugegeben, meine Liebe zu den warmen, portugiesischen Zischlauten ist so alt wie die Szene aus "Tatsächlich … Liebe", in der Colin Firth seiner Aurelia IN IHRER MUTTERSPRACHE EINEN ANTRAG MACHT).

Über Alfama thront die Burg, CASTELO DE SÃO JORGE. Ich bin zu ungeduldig um auf die nächste gelbe Tram 28 zu warten, die die TouristInnen ratternd den Berg hochträgt. Ich entscheide mich, die unzähligen Treppen selbst zu bezwingen. Oben angekommen gefällt mir besonders die Camera Obscura der Burg: hier fällt Licht durch eine Sammellinse in einen dunklen Hohlkörper, und erzeugt so ein spiegelverkehrtes Abbild der Außenumgebung. Es hat etwas Voyeuristisches, die Miniatur-Kopien der Menschen draußen zu beobachten, wie sie keuchend Lissabons Hügel erklimmen.

Lissabon Ausblick vom Castel klein
Ausblick vom Castel, Foto: M.Schwarz

Danach zieht es mich unwillkürlich in eine kleine, türkise Essbar, UNION EMPAÑADAS, in der es köstliche, handgemachte Teigtaschen gibt, und das weltweit cremigste Eis bekomme ich in der GELATERIA PORTUGUESA. Überhaupt, ich wage zu behaupten, dass man in Lissabon nicht schlecht essen kann. Und wenn doch, dann trösten einen die atemberaubenden Ausblicke, die hinter jeder noch so unscheinbaren Ecke warten. Hier oben, hoch über der Stadt, liegt zum Beispiel die Aussichtsplattform Santa Lucia: prächtige, pinke Blüten gegen saftiges Grün, ein steinerner Säulengang mit unverstelltem Blick auf den Tejo. Wer hier eine Kaffeepause machen will, der sollte im COPENHAGEN COFFEE LAB vorbeischauen.

Am nächsten Morgen lockt mich der Hunger ins stylishe AUGUSTO LISBOA, trotz erneuter Höhenmeter. Auf dem Plan steht noch das MUSEO NACIONAL DO AZULEJO (Azulejos sind die typisch portugiesischen Fliesen, die hier fast jede Hausmauer verzieren), und ich entscheide mich wieder für den Fußweg, obwohl der Bus rückblickend besser gewesen wäre. Das Fliesenmuseum ist ein Highlight meines Trips, hier sieht man auch den prachtvollen, fast zur Gänze in Gold geschmückten Innenraum des Convento de Madre de Deus.

Die vielen Schritte haben mich wieder hungrig gemacht, und auf Empfehlung entscheide ich mich für das CANTINHO DO AZIZ, in dem es authentische mosambikanische Küche gibt, und den einzigartigen Cashewnusssaft Sumo de Caju (unbedingt probieren!)

Chiado und Bairro Alto

Mein Blick streift suchend über Buchrücken. Ich bin in der LIVRARIA BERTRAND, auf der Suche nach einem neuen Reisebegleiter, ohne zu wissen, dass diese Buchhandlung seit 1732 durchgehend in Betrieb ist, und somit die älteste Buchhandlung der Welt. Überhaupt ist Chiado das Viertel in dem Tradition auf stimmige Weise auf Moderne trifft: der TIME-OUT MARKET, nur eine Querstraße vom Wasser entfernt, ist ein riesiger Food Court in einem Teil des alten Mercado da Ribeira. Hier koste ich die himmlischen Pastéis de Bacalhau (Kroketten gefüllt mit einer Fisch- und Erdäpfelpaste). Wer Lust und Hunger hat, kann hier an mehr als zwanzig weiteren Stalls nationale und internationale Köstlichkeiten probieren.

Wenn es dunkel wird, ist Lissabon im Bairro am lebendigsten, hier treffen sich PortugiesInnen auf Afterwork-Drinks in Bars, deren Fenster und Türen sperrangelweit offen sind, sodass Musik und Gesprächsfetzen ungedämpft auf die Straße dringen. Die aufmerksame Barkeeperin im ARMAZÉM in der Rua de Corpo Santo mixt mir einen Porto Tonic (weißer Portwein mit Tonic), obwohl der gar nicht auf der Karte steht. (Obrigado!)

Lissabon Armazem kleinArmazém, Foto: M. Schwarz

Baixa und Casa do Sodré

Der Praca de Comercio ist ein riesiger, rechteckiger Platz, im Zentrum steht eine imposante Statue von José I., der keinen männlichen Thronfolger hatte und deshalb kurzum seinen Bruder mit seiner Tochter verheiratete. An einem Ende grenzt der Praca an den Tejo. Hier halte ich kurz meine Füße ins eisige Wasser, sehe zwei übermütigen Hunden beim Herumtollen zu, und atme die kühle, salzige Luft ein. Am anderen Ende des Platzes befindet sich der mächtige Arco da Rua Augusta, und der wiederum liegt am Ende der Rua Augusta, einer der großen Einkaufsstraßen Lissabons. Hier tummeln sich Straßenkünstler und Mitbringselverkäufer, und auf halbem Weg kommt man am Aussichtslift SANTA JUSTA  vorbei. Oben posieren schon Paare blinzelnd für den Urlaubsschnappschuss, der später im Bilderrahmen am Nachttisch landen wird. Hier versuche ich wieder die Farben Lissabons einzufangen, das Orange der Dächer, das Grün des Hügels im Hintergrund, das changierende Blau des Wassers.

Lissabon Tejo klein
Tejo, Foto: M. Schwarz

Direkt nebenan liegen die Ruinen des Convento do Carmo. Dem ehemaligen gotischen Kloster fehlt seit dem Lissaboner Erdbeben von 1755 die Decke. Die nicht weit entfernte Igreja de São Domingos erlitt ein ähnliches Schicksal, wurde jedoch vollständig renoviert, nur um bei einem Feuer in 1959 noch mehr Schaden davonzutragen. Die nochmalige Restauration ließ bewusst Spuren des Feuers sichtbar, was die Kirche heute zu einer der einprägsamsten Sehenswürdigkeiten der Stadt macht.

Wer in Baixa und Chiado auf der Suche nach Lokalen mit hoher Hornbrillen- und Macbook-Dichte ist, der sollte einen Abstecher ins NICOLAU oder ins ZENITH machen. Und wer sich danach, wie ich, mit vollem Magen zu Fuß auf den Heimweg macht, der könnte, wie ich, Glück haben, und im Jardim de Estrela Park vorbeikommen. Hier laufe ich nämlich in eine tanzende Menschentraube vor einem Pavillon, auf der Bühne steht eine vierköpfige Jazzband. Das OUT JAZZ FESTIVAL gibt es jedes Jahr: an Sonntagen zwischen Mai und September bringt es Musik in die öffentlichen Parks der Stadt.

Blick von Santa Justa kleinBlick von Santa Justa, Foto: M. Schwarz

Belém

"Ihr MÜSST zum ROCK IN RIO!", beschwört uns unsere AirBnB-Gastgeberin, und so fahren wir abends mit dem Bus zu dem Musikfestival nach Belém, dem westlichsten Viertel Lissabons. Wir folgen dem Menschenstrom – circa 100,000 Besucher, wie wir später erfahren – und gelangen bei freiem Eintritt in das Gelände rund um den Torre de Belém, einem der wenigen übriggebliebenen Denkmäler des portugiesischen Seefahrtimperiums.

Zum Auftakt wird eine beeindruckende, musikalisch unterlegte Lichtershow auf den Turm projiziert, und danach betritt IVETE SANGALO die Bühne, die "brasilianische Helene Fischer", wie man uns ehrfurchtsvoll zuflüstert, und den Beweis erhalten wir eine Minute später, als rund um uns das enthusiastische Kreischen einsetzt.

Wer es tagsüber nach Belém schafft, der sollte unbedingt das Kloster MOSTEIRO DOS JERÓNIMOS besuchen, und ein pastel de nata probieren, das himmlische mit Vanillecreme gefüllte Blätterteigtässchen.

Lissabon Lisbon 2kleinLissabon, Foto: M. Schwarz

Lissabon

Wir müssen wiederkommen, wir haben nicht genug pastel de nata gegessen und vielleicht kommt ja nächstes Jahr Ivete wieder? Wir sind gerade erst zurück und noch ein bisschen arg verliebt, aber: Falls du noch nie in Lissabon warst, fahr hin, und falls du schon da warst, fahr nochmal hin, und falls du dort bist, geh niemals niemals niemals weg!

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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