AUF REISEN

Post aus: Tel Aviv

telaviv0
Foto: S. Braunisch

Israel ist politisch ein Dauerbrenner, mit ein bisschen Glück brennt dort aber vor allem die Sonne. Stefanie Braunisch hat im November noch einmal den Strand in Tel Aviv genossen und sich Jerusalem angesehen.

Raketenalarm am Tag vor dem Abflug ist natürlich nicht die beste Nachricht. Mit ein bisschen Recherche haben wir aber herausgefunden, dass Tel Aviv entgegen mancher Meldungen trotzdem zu dem Zeitpunkt sicher war und sind bei der Entscheidung für den Urlaub geblieben. Retrospektiv die richtige Entscheidung.

Tel Aviv selbst ist zwar als Startup-Metropole und für den Songcontest bekannt, hat aber nur ungefähr so viele Einwohner wie Graz. Dafür ist der Strand wunderschön und auch im November kann man dort noch im Sommerkleidchen den Sonnenuntergang genießen. Zum Baden ist es zwar schon ein bisschen zu kühl, jedoch bei Surfern sehr beliebt. Die Schönheiten eines guten Sandstrandes müssen aber wohl nicht zu exzessiv ausgeführt sein, die sind selbsterklärend.

Strandmetropole mit Architekturhighlights

Die Stadt selbst dagegen ist weitaus vielfältiger. Einerseits ist sie bekannt für die Bauhaus-Häuser ihrer Gründungszeit und die ziehen sich wirklich durch das gesamte Stadtbild. Besonders bekannt ist die WHITE CITY, ein UNESCO-geschützter Stadtteil. In diesem sind viele der Häuser aber offenbar schon länger am Verfallen, entlang des Rothschild- und des Ben Tysion-Boulevards finden sich aber auch sehr viele gut erhaltene und sehr schöne Gebäude. Besonders einprägsam ist die Ecke zwischen den Boulevards, dort sammeln sich Theater und Galerien an einem großen offenen Platz und auch im nahen Park wurde architektonisch experimentiert.

telaviv1
Foto: S. Braunisch

Ganz anders als auf den breiten Boulevards ist der CARMEL MARKT. Dort ist es orientalisch, voller Gewürz-, Obst- und Gemüseberge und es gibt an jeder Ecke leckere Häppchen und auch viel Schmuck. Empfehlenswert ist ein Besuch am Freitagnachmittag, dort kann man nach Sonnenuntergang in der Malan Street eine Sabbat-Popup-Cocktailbar mit wirklich guten Drinks entdecken. Und alleine wegen der Rebellion, dass sie nur am Sabbat offen haben, ist die Stimmung in der Seitengasse besonders gut. Wobei der Sabbat selbst schon ernst zu nehmen ist. Die Lokale haben zwar alle offen, aber am Samstag bei einem Städtetrip noch schnell shoppen zu gehen, funktioniert in Israel definitiv nicht. Wer mit Spaziergängen im nördlichen Teil dann schon durch ist, kann sich aber immer noch JAFFA ansehen.

Denn der südliche Teil der Stadt hat angeblich den ältesten Hafen des Mittelmeeres und ist im Gegensatz zum eigentlichen Tel Aviv im Norden auch eher islamisch geprägt, im Süden hört man also auch eher mal einen Muezzin und auch die Architektur ist wesentlich älter und orientalischer als im Norden der Stadt. Außerdem bietet sich der Hafen von Jaffa auch für einen Besuch im "The Old Man and the Sea" an, in dem man sich mit allerlei Salaten in die Kultur hineinessen kann. Abseits davon merkt man in Tel Aviv aber nicht viel von der islamischen Prägung des Nahen Ostens.

Jerusalem: Jahrtausende alter Kulturclash

Ganz anders ist das in JERUSALEM. Die Stadt ist bekannt als kulturelles Epizentrum der Weltreligionen und dementsprechend aufgeteilt ist auch die Altstadt. Ziemlich genau in Viertel teilen sich die armenische, christliche, islamische und jüdische Kultur die Stadt. Und was wie ein starker Widerspruch klingt, ist es auch. Die Häuser sind zwar überall ähnlich und auch das Kopfsteinpflaster und die Ausgrabungen haben in allen Vierteln viel gemein, die Stimmung ist aber grundverschieden. So wechselt man zwischen dem ruhigen armenischen Viertel, in dem die Häuser fast nur für sich selbst wirken, dem jüdischen Viertel voller Gedenkstätten und Museen, dem christlichen – in dem die Kreuzwegstationen von Touristen überlaufen sind – und dem islamischen Bazar, wo schon die Sprachmelodie ganz anders wirkt als in den anderen Teilen.

telaviv2 klein
Foto: S. Braunisch

Der Touristenandrang ist allerdings eine durchgehende Komponente. Am Bazar wird an jeder Ecke gefeilscht, auch das ÖSTERREICHISCHE HOSPIZ mitten im islamischen Stadtteil ist voll von Touristen. Apfelstrudel und Spritzer sind offenbar bei Briten, Tschechen und Amerikanern gleichermaßen beliebt, selbst im Nahen Osten. Kein Wunder, immerhin ist die ehemalige Botschaft ein nicht ganz geheimer Geheimtipp und prominent neben einem Checkpoint. Weniger prominent platziert ist der Durchgang zur  KLAGEMAUER, dafür sind die Sicherheitsvorschriften strenger. Dennoch finden sich vor der Mauer Unmengen an Menschen, spannenderweise ist der Bereich für Frauen wesentlich voller als der für Männer. Neben Touristen tummeln sich orthodoxe Juden mit den klischeehaften Hüten, auch für Hochzeiten dürfte die Klagemauer ein beliebtes Fotomotiv sein. Die religiöse Stimmung des Ortes ist für Katholiken aber schon aufgrund des Freiluft-Aspekts eher ungewohnt und auch die Art zu beten wirkt eher ungewohnt.

Möglicherweise liegt das aber auch an der Stadt und den Touristen. Denn auch die GRABESKIRCHE VON GOLGOTHA ist nicht im „traditionellen“ Sinn religiös. Stattdessen ist die Kirche voll von Touristen, Gedanken an Gott haben zwischen all den Smartphones und Selfiesticks keinen Platz. Auch als nicht religiöser Mensch ist das ein ungewöhnliches Gefühl für eine Kirche. Ungewöhnlich ist in Jerusalem aber ohnehin viel. Vom Apfelstrudel und dem Muezzin, zu den orthodoxen Jüdinnen in Perücken und dem Franziskanermönch in der Seitenstraße wirkt alles wie eine absurde Mischung.

Die zieht sich aber eben durch die ganze Stadt und ist teilweise auch in Tel Aviv so. Denn das ganze Land ist eine Mischung der Geschichte. Von den religiösen Wurzeln zum religiösen Alltag, über Kolonialgeschichte und Nahost-Konflikt sammelt sich alles. Sehenswert ist es dadurch allemal.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top