AUF REISEN

Post aus: New Orleans

Eigentlich war New Orleans ja nur ein Default-Stop wegen einer Konferenz. Über die Stadt selbst habe ich so gut wie gar nichts gewusst, nur dass eine Freundin eine Zeit lang dort gelebt hat. Also zumindest eine Empfehlung, die Stadt anzusehen habe ich von Anfang an.

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Foto: S. Braunisch

Wer sich New Orleans wie eine x-beliebige Stadt mit einer Reihe an Sehenswürdigkeiten im Reiseführer vorstellt, wird wahrscheinlich ein bisschen enttäuscht sein. Die gibt es zwar, aber ein Großteil davon sind einfach Häuser, die sich durch ihre Geschichte auszeichnen. Dazu ein paar Kirchen – die sehr anders behandelt werden, als bei uns – und eine Reihe Friedhöfe. Das Schöne an New Orleans ist, dass die Stadt ähnlich morbid ist wie Wien. Nur witziger. Die Stadt liegt mehr oder weniger beim Golf von Mexiko, das prägende Gewässer ist aber noch der Mississippi. Und weil der historisch immer wichtig war, hat New Orleans, französische und spanische Wurzeln, 300 Jahre Geschichte und eine sehr reiche Mischung an Kulturen und Architektur.

Der Tod und die Partystadt

Das Morbide von New Orleans sieht man leicht an den Friedhöfen. Sie sind quer durch die ganze Stadt verteilt und baulich ein bisschen eine Besonderheit. Weil die gesamte Gegend ursprünglich Sumpfgebiet war und für die Stadt trockengelegt wurde, blieben die Särge nicht im Boden, weshalb auf oberirdische Gräber umgestiegen wurde. Als eine der wenigen katholisch geprägten Städte ist auch die Grabeskultur sehr anders als im Rest der USA, weshalb die Friedhöfe auch heute als Sehenswürdigkeiten gelten. Vielleicht aber auch, weil man nur in New Orleans das Grab von Voodoo-Priesterinnen besuchen kann. Womit wir beim zweiten Punkt der Erklärung zu "morbid" wären.

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Foto: S. Braunisch

New Orleans ist nicht nur wegen seiner Friedhofskultur morbid, sondern der französische und spanische Katholizismus wurden durch die Sklavenkultur – und besonders frühe freie Schwarze aus dem heutigen Haiti – mit afrikanischen Kulturen zum Voodoo-Kult gemischt, zusätzlich kommt durch die Nähe zu Mexiko eine Erweiterung um den "Día de Muertos" dazu, es wimmelt also nur so von Geisterpuppen, Totenköpfen und Souvenirs dazu.

Möglicherweise zusammenhängend aber vielleicht auch von ganz wo anders kommt in New Orleans eine für die USA fast untypische Vorliebe für Alkohol. In New Orleans gibt es mehrere gelinde gesagt Trinkmeilen. Wie einige der Sehenswürdigkeiten sind sie im französischen Viertel angesiedelt, wobei die Bourbon Street die weitaus touristischere Straße ist. Etwas gehobener ist es an der Frenchman Street, dort spielen in der Happy Hour (die vier Stunden dauert) nicht nur die eingespielten Ensembles, sondern auch ein bisschen jüngere Bands, von denen man nicht schon beim ersten Takt alle Jazz-Klassiker kennt. Zum Trinken gehört in New Orleans nämlich definitiv Live Musik und schon alleine weil es die Geburtsstadt davon ist, ist das meistens Jazz.

Das französische Viertel gleich entlang des Flussufers ist der älteste Teil der Stadt, wobei die meisten der Häuser mit ihren Holzpanelen und Balkonen an jedes beliebige Klischee der Südstaaten erinnern. Kein Wunder, offenbar hat New Orleans nach Hollywood die zweitgrößte Filmindustrie in den USA. Jedenfalls zeichnet sich das Viertel eher durch die alten Häuser und deren künstlerisch gestaltete Balkone aus, als durch "Sehenswürdigkeiten". Als die gehen noch die beiden großen Gebäude im Viertel durch, der Supreme Court of Louisiana und die St. Louis Cathedral.

Architektur als Sehenswürdigkeit

Abseits vom French Quarter muss unbedingt noch ein Besuch bei der Magazine Street drinnen sein, die Straße führt durch den wohlhabenden Garden District und ist eine Welt für sich. Ewig lang, dafür verändert sich im Laufe eines Spaziergangs entlang der Magazine Street mindestens viermal komplett die Gegend und es gibt immer neues zu entdecken. Gleichzeitig sollten dort aber auch Abstecher in die Seitengassen gemacht werden, denn das (ent)spannende an New Orleans sind die Nachbarschaften. Und besonders in den wohlhabenden Gegenden sind das wunderschöne Häuser diversester Größen und Baustile, die aber eben einen netten Südstaaten-Flair und viel Vergangenheit haben, zusätzlich sind die Gehwege extrem zugewachsen und man kommt sich eher wie in einem Park als wie in einer Wohngegend vor. Das Gefühl bleibt stark, wenn man parallel zur Magazine Street auf die St. Charles wechselt, die allerdings weitaus größer und vom Streetcar befahren ist. Die Streetcars in New Orleans sind ähnlich wie die Cablecars in San Francisco einfach alte Straßenbahnen; hübsch, aber denkmalgeschützt und deshalb langsam. Zur Fortbewegung in der Stadt oder in die Stadt sind sie aber doch sehr gut geeignet, weshalb New Orleans im Vergleich zu anderen Städten wohl Fußgängerfreundlich ist.

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Foto: S. Braunisch

Weite Strecken rund durch die Nachbarschaften oder beispielsweise zum City Park sollte man sich aber am Fahrrad anschauen. Fast jede Straße hat einen Radweg und so gehen sich weite Strecken und viele Eindrücke einfach aus. Ein bisschen Bewegung ist sicherlich sowieso nicht schlecht, wobei die Küche in New Orleans eigentlich relativ gesund ist. Alleine geographisch bedingt ist nämlich fast alles mit Meeresfrüchten, das geht von Garnelen -Sandwiches (die Sandwiches in New Orleans heißen Po-Boys und gibt’s auch mit anderen Belegen) zu Austernbars (mit scharfer Tomatensauce) und traditionellen Boils (meistens Crawfish, eine Krebsart) bis zu Gumbo (eine Art Eintopf mit Meeresfrüchten, Fleisch und meistens Reis). Wer keine Meeresfrüchte mag, findet trotzdem was, besonders beliebt sind Bohnenberichte, die ein bisschen an Texmex erinnern und wahrscheinlich auf eine ähnliche Südstaatengeschichte zurückgehen.

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Foto: S. Braunisch

Abseits der Spaziergänge, Architektur und kulinarischen Feinheiten ist New Orleans so etwas wie ein zweites Las Vegas. Die großen Straßen sind voll mit Touristen, durch die frühe Happy Hour wird freudig getrunken, im Gegensatz zu vielen anderen Staaten darf man mit seinem Drink auch auf offener Straße unterwegs sein. Zusätzlich gibt es in einigen Bars einarmige Bandidten, auch mit Glücksspiel wird also relativ offen umgegangen und man darf sich deshalb nicht über die vielen Junggesellenabschiede wundern. Wem das zu viel ist: Einfach beim Programm tagsüber bleiben. Denn sobald die Coronakrise vorbei ist, gibt es wohl auch wieder die vielen Umzüge, Freiluftkonzerte und Märkte, die für eine lebendige Straßenkultur sorgen. Oh und wer doch auch lieber alte Dinge sieht: Die Antiquitätengeschäfte und Second-Hand-Shops haben eine phantastische Auswahl in New Orleans.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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