THEATER

Brecht trifft Horvath

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"Geschichten aus dem Wienerwald" im WERK X, Foto © Alexander Gotter

"Geschichten aus dem Wienerwald", ein Klassiker auf den Theaterbühnen des deutschsprachigen Raums, ist derzeit im  WERK X, jenem in Meidling, zu sehen. Der Nino aus Wien begleitet das Stück auf der Gitarre sowie mit seiner Stimme. Die restlichen Schauspielerinnen teilen die wichtigsten Rollen des Dramas in den Sprachen Deutsch und Französisch unter sich auf und schlüpfen einmal in diese und einmal in jene. Eine Kritik.

Episches Theater in Meidling

Stark auffallend waren die Symptome des epischen Theaters im Stück vorhanden. Abwechselnd erzählten die Charaktere einen Teil der Handlung, sprachen tatsächliche Dialoge aus "Geschichten aus dem Wienerwald" oder schnitten ganz andere Themen an wie z. B. den terroristischen Anschlag in Halle am Tag zuvor. Stellenweise wurde das Publikum auch direkt angesprochen und in das Stück miteinbezogen, um etwa gemeinsam zu feiern und sich gegenseitig zuzuprosten. Hinzu kam noch, dass nicht ein Schauspieler/eine Schauspielerin eine Rolle durchgehend innehatte, sondern auch dass sich dieser Fakt während des Stücks ändern konnte. Es wechselten also die Erzählperspektiven mehr oder weniger im Minutentakt. Dadurch entstand bei mir jedes Mal für einige Minuten Verwirrung. Sind wir jetzt im Stück? Wenn ja, wo sind wir dann? Wer spricht gerade wen? Ist es ein Dialog oder wird erzählt? Geht es um "Geschichten aus dem Wienerwald" oder worum geht es hier eigentlich? Ist das Drama nur ein Katalysator, um anderes anzusprechen? Oder ist es doch wichtig?

Chapeau an die Schauspielerinnen und Musikerinnen!

Diese haben wahre körperliche Glanzleistungen auf der Bühne vollbracht. Sie hüpften und sprangen und sangen und tanzten, wälzten sich am Boden, übersetzten von einer Sprache in die andere, spielten einmal den einen Charakter und zwei Sekunden später einen anderen. Hut ab, das muss man sich erst einmal alles merken; das muss man schaffen: knappe zwei Stunden auf der Bühne zu sein und immer im Stück und im Moment zu bleiben.

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"Geschichten aus dem Wienerwald" im WERK X, Foto © Alexander Gotter

Gut gemeint, aber zu viel des Guten

Wir kamen vom Hundertsten ins Tausendste; nur zum Inhalt kamen wir nie. Begonnen bei der Simultanübersetzung Französisch-Deutsch, hin zu den Gedanken der Schauspielerinnen aus afrikanischen Ländern wie Österreich und seine Bewohnerinnen im Alltag so sind, über Reflexionen über das Drama selbst, bis hin zu einer Rede/einem Lied über den damals aufkommenden Faschismus Ende der zwanziger Jahre und dem heute aufkommenden Faschismus Ende der zehner Jahre. Jedes einzelne Thema hat natürlich seinen eigenen, wichtigen Stellenwert. Es hat seine Richtig- und Wichtigkeit, dass das Theater politisch agiert, heutzutage noch viel mehr denn je, und Dinge in den Raum und zur Diskussion stellt. Jedoch wäre es von Vorteil gewesen, wenn man sich hierbei auf eines dieser Themen konzentriert hätte. Dann wäre ein roter Faden erkennbar geworden. So saß ich am Ende da mit lauter losen, angeschnittenen Fäden.

Intentionen

Gewählt wurde "Geschichten aus dem Wienerwald" vermutlich, weil laut Pressetext "die Parallelen zur Gegenwart ein weiteres Mal frappierend scheinen". Im Endeffekt ändert sich seit Jahrzehnten nichts im Land. Damals wie heute befinden wir uns in einer bornierten gutbürgerlichen Gesellschaft, die vom Patriachart gesteuert wird und der Mann noch der Herr im Haus ist. Aber leider weiß man alle diese Fakten nur, wenn man den Inhalt des Stücks bereits kennt und sich alle Puzzleteile selbst zusammensucht. Schade, denn Potenzial wäre auf jeden Fall da gewesen.

(Mögliche verwirrende Gedankengänge im Laufe des Artikels gehen zurück auf verwirrende Gedankengänge während des Theaters.)

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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