THEATER

Mythenverabeitung im ersten Bezirk

Im Ein-Frau-Stück "Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore" im  THEATER IN DER DRACHENGASSE, die eventuell die kleinste Gasse Wiens ist, tritt Nancy Mensah-Offei unter anderem als John Smith, John Rolfe oder auch als Donald Trump, erkennbar an roter Kappe und Golftasche, auf die Bühne. Jedoch niemals als Pocahontas.

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Foto: Barbara Pálffy

Die haben im Laufe der Geschichte nämlich schon zu viele Menschen dargestellt oder für sich beansprucht: zunächst die Kolonisten aus England Ende des 16. Jahrhunderts. Anschließend ihr Ehemann John Rolfe, der sie in sein Heimatland mitnahm, um dort wie einen Preis vorzuführen. Später die Geschichtsschreiber und Aufarbeitung der Kolonisation, die Pocahontas als die Einheimische Wilde sahen, die John Smiths Körper mit ihrem Körper vor dem Tod rettete. Dementsprechend die Rechtfertigung der Besiedelung der USA. Und im Endeffekt die Walt Disney Company im Jahr 1995 mit ihrem Film über die verbotene Liebe zweier Menschen aus verschiedenen Welten. Deswegen wird Pocahontas an diesem Abend nicht auf der Bühne zu sehen sein, sondern ist Anstoß für eine Reflexion über viele Dinge. Sie steht für die Land- und Frauennehmung durch weiße Männer. Dieser Fakt wird während der Handlung immer wieder betont mit den Worten: Virgin/Virginia (so heißt der US-amerikanische Bundesstaat, wo der Stamm lebte und die Firma, mit der John Smith in das Land kam).

Das ist mehr oder weniger das Thema oder die Aufarbeitung des Stücks. Ausgangspunkt ist eine Beschwerde John Rolfes, dass die gesamte Welt immer nur von John Smith und Pocahontas spreche, aber niemanden ihn in die Diskussion miteinflechte. Er war doch der Ehemann dieser weltberühmten Frau und er hat sie nach England gebracht. Nicht dieser bescheuerte John Smith, der nun den ganzen Ruhm einheimst! Von dort aus bewegen wir uns schließlich dem restlichen Verlauf des Stücks zu.

Gespielt wird in der Bar, was einen ausgesprochenen Reiz hat und alles sehr intim wirken lässt, weil alle an kleinen Tischen sitzen und an ihren Gläsern Wein nippen, während die Schauspielerin auf der Bühne ein Lied ins Mikrofon haucht. Vermittelt wird dadurch der Eindruck eines kleinen Jazz-Konzerts oder der Besuch in einem Varieté. Womit wir wieder zur Handlung des Stücks kommen, darin bewirbt sich nämlich die Schauspielerin als Schauspielerin für Auftritte bei einer Varieté-Theaterdirektorin. Was das jetzt genau mit Pocahontas zu tun hat, bin ich mir noch nicht ganz sicher.

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Foto: Barbara Pálffy

Es ist ein wiederkehrendes Thema in den letzten Theateraufführungen, die ich in den unterschiedlichen Spielstätten dieser Stadt gesehen habe: Man will zu viel auf einmal. Man ist gegen das Patriachart, für Feminismus, gegen die weiße Geschichtsschreibung und für eine neue, gegen Rassismus und für Toleranz. Wie gesagt, das ist gut so, diese Frage stellt sich nicht und natürlich ist Diskussion/Thematisierung immer richtig. Jedoch alles in einem einstündigen Stück in einer Schauspielerin zu verpacken und einen Bogen vom ausgehenden 16. Jahrhundert bis zur Mondlandung zu spannen, ist einfach extrem schwierig. Da geht etwas verloren am Weg und man verliert leider auch das Publikum. Es fühlte sich teilweise wie zehn einzelne Stücke an und nicht wie ein Gesamtwerk.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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