THEATER

Von Messiassen unserer Zeit

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© Stefan Hauer

Die vorarlbergische Lieblingstheatergruppe aller Wiener und Wienerinnen, das AKTIONSTHEATER ENSEMBLE, bringt sein neuestes Stück "Heile mich" nach Wien. Ende Jänner/Anfang Februar geben sie fünf Vorstellungen im WERK X in Meidling. Vorab traf ich den Regisseur/Autor Martin Gruber, mit dem wir schon einmal  IM HERBST 2018 GEPLAUDERT haben, für ein Gespräch.

Ursprungsquelle

Inspiration oder der Anfang des Stücks war für den Regisseur die Segnung unseres alten und jetzigen Bundeskanzlers Sebastian Kurz in der Wiener Stadthalle im Juni des vorigen Jahres. Zunächst war ihm die Idee zu platt, zu offensichtlich, jedoch ging ihm diese Szene dann doch nicht aus dem Kopf. Und hat es dann auf das Menschliche heruntergerissen, um es entsprechend auf die Bühne zu bringen, wie Martin Gruber selbst sagt.

Prägt Politik die Gesellschaft oder umgekehrt?

Hintergedanke bei dieser Segnung war natürlich auch, dass in unserer heutigen Zeit zu bemerken ist, dass manche auf die Heilserwartung durch Politik, vor allem durch "starke", weiße Männer warten – das Patriachat in seiner Blüte sozusagen. Der regelt das schon alles für uns. Ein externer Faktor entscheidet also über meine persönliche Heilserwartung und nicht ich selbst. Jedoch wird das Thema der Politik und des geglaubten politischen Messias weder im Stück angesprochen noch irgendwie aufgegriffen. Hierbei handelt es sich vielmehr um die Metaebene. Ganz im Stil des aktionstheater ensembles geht es in "Heile mich" um die Gesellschaft, um gesellschaftliche Systeme, um genauer zu sein, und die Erwartung vieler Menschen, dass man erst durch einen anderen Menschen geheilt oder vollständig sein kann. Wer kennt es nicht? Manchmal erwischt man sich dabei, wenn man denkt: Wenn ich einen Partner/eine Partnerin gefunden habe, dann ist endlich alles gut. Wie aufgeklärt und reflektiert wir auch alle sein mögen.

Inhalt und Musik

Drei Frauen spielen die Hauptrollen und führen dementsprechend auch Dialoge miteinander. Und diese drei Frauen eben erzählen sich von Männern, Urlauben und es wird mit jedem Wort klarer, wie stark wir nicht alle von den Erwartungen der Gesellschaft geprägt sind und damit zu hadern haben. Außerdem sind auf der Bühne fünf Männer zu sehen. Diese sind die Band und zwei Sänger, und liefern die Lieder zum Stück. Für die Frauen sind sie jedoch nicht greifbar und stellen eine Art Chimäre dar. Die Band um Andreas Dauböck war von Anfang in die Proben aktiv einbezogen und liefert auch die Lieder zum Stück.

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© Stefan Hauer

"Trotzdem kommen wir nicht umhin, einander zuzuhören"

Wie Martin Gruber selbst sagt, geht es in dem Stück auch sehr stark um Einsamkeit, die immer wieder durch die Medien geistert und ein großes Thema in unserer Gesellschaft ist. Dieses Einsamsein wird unter anderem auch dadurch ausgedrückt, dass die Frauen im Stück regelrechte Monologe führen, jedoch keine der anderen wirklich zuhört. Denn es ist vor allem das Ziel einer jeder Darstellerin, ihren eigenen Scheiß loszuwerden und sich somit besser zu fühlen. Seine Gedanken zu erklären und zu erörtern und zu zerlegen, weil dann muss mich mein Gegenüber ja verstehen. Doch leider funktionieren die Menschen nicht so.

Ein bisschen Heilung darf schon sein

Nur negativ sehe der Regisseur diese Heilserwartung übrigens nicht und führt als Beispiel an, dass man ja auch zum Arzt/zur Ärztin gehe und von diesem/dieser erwartet, dass er/sie mich heilt. Auch hier gebe ich Verantwortung ab und vertraue der Person. Das aktionstheater ensemble schafft es immer wieder, dass man sich selbst auf der Bühne wiedererkennt und sich danach eine Zeitlang nicht mehr so einsam fühlt wie vielleicht zuvor. Das Ziel des Stücks ist für Martin Gruber ganz klar: Empathie beim Zuseher/bei der Zuseherin.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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