THEATER

Eine Wiener Unterweltkarriere

 

David Schalkos »SCHWERE KNOCHEN« (Kiepenheuer & Witsch) war eines meiner liebsten Bücher von 2018. Nun hat man sich am Volkstheater um eine Bearbeitung für die Bühne bemüht (aufgeführt in der Halle E im Museumsquartier, weil im Volkstheater selbst umgebaut wird). Natürlich musste ich mir das anschauen gehen. Eine Art Fassungsvergleich.

Erdberg 4 life 

Ferdinand Krutzler ist 12 Jahre alt, als er zum ersten Mal Notwehr begeht. So genau kann man im Nachhinein nicht sagen, was passiert ist, und Ferdinands Vater war eben ein Choleriker und Säufer, der die Mutter gerne schlug. Gut möglich, dass der Bub sich nur gewehrt hat und dabei ein Unfall passiert ist. Nach jenem Vorfall ist jedenfalls der Vater tot, Mutter und Sohn ziehen von Gramatneusiedl nach Wien Erdberg und Krutzlers Laufbahn als stadbekannter »Notwehrspezialist« (Elfmal wird er wegen tödlicher Notwehr freigesprochen) ist eingeschlagen. Im Klassenzimmer trifft Krutzler auf die Mitschüler Wessely, Praschak und Sikora, mit denen er sich bald aufmacht, die Erdberger Mitbürger um den einen oder anderen Hunderter zu erleichtern. Als Hitler die Macht ergreift, nutzen die Burschen die Gunst der Stunde und räumen einem Nazi-Funktionär die Bude aus, die jener kurz zuvor überaus günstig von einem jüdischen Großbürger erworben hat. Dafür wandern alle außer Praschak umgehend ins KZ, wo Krutzler als Kapo installiert wird. Er kommt durch und macht nach dem Krieg dort weiter, wo er aufgehört hat: Er will die Weltherrschaft über Wien. Ein flugs zusammen mit den Spezis errichteter Schmuggelring soll zu diesem Ziel beitragen. Zwischendurch gibt es die eine oder andere Verirrung, ab und zu so etwas ähnliches wie eine Liebesgeschichte, und in der Tradition Shakespeares sind am Ende viele tot. Das klingt wie ein Spoiler, ist aber keiner, da auf dieses Ende gleich in den ersten Zeilen bzw. ersten Minuten von »Schwere Knochen« vorgegriffen wird.

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David Schalko, Schwere Knochen, Buchcover

Es ist eine ungemütliche, harte Welt, die da gezeichnet wird, im Buch so wie auf der Theaterbühne. Auch wenn Schalkos lapidar-ironischer Ton die Tragik der Einzelschicksale verwischt und zu Anekdoten verkürzt.

Die illustre Unterweltbesatzung hat kein Problem, sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen und fackelt dementsprechend nicht lange mit Kontrahenten. Opportunismus ist der größte gemeinsame Nenner zwischen den Figuren und äußert sich auf unterschiedliche Art und Weise. Die Liebe bleibt für alle eine Illusion und/oder unerreichbar. Diese Kargheit schlägt sich auch im Bühnenbild nieder, das reduziert, aber effektvoll gestaltet ist; mit der Band im hintersten Winkel platziert, so dass man die Musiker sehen kann.

So wie die Romanvorlage folgt auch die Bühnenversion keinem klassischen dramaturgischen Spannungsbogen. Das, was aber so Spaß macht, ist auch nicht die Entfaltung eines bestimmten Handlungsstranges, sondern die heraufbeschworene Stimmung und der humorige Erzählton. Das muss man schon auch mögen. Ich mag es sehr.

Dicker Schinken, lange Bretter

Hin und wieder war ich mir nicht sicher, ob ich der Handlung im Stück hätte folgen können, hätte ich nicht das Buch gelesen gehabt. Und tatsächlich sind zwei meiner insgesamt vier Begleiterinnen bereits in der Pause gegangen, weil sie nicht überzeugt waren. Sie waren nicht die einzigen – was vielleicht auch an der überdurchschnittlichen Stücklänge von drei Stunden gelegen haben könnte. Der Roman hat immerhin 576 Seiten, auch da liest man ein Zeiterl. Das Buch kann man aber, anders als das Theaterstück, weglegen und später weitermachen, wenn man kurz vorm Wegdösen ist. Ich habe in den Reihen den einen oder anderen matt-müde hängenden Kopf entdeckt.

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Thomas Frank und Ensemble in "Schwere Knochen", Foto (zugeschnitten) © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Darbietung des Ensembles war aber auf jeden Fall kurzweilig und beeindruckend. Bis auf Thomas Frank, der den Titelhelden verkörpert und daher logischerweise auf diesen beschränkt bleiben muss, spielen alle anderen Ensemblemitglieder zwischen vier und zehn verschiedene Rollen, und das in teilweise atemberaubend schnellem Wechsel. Besonders begeistert hat mich die Darstellung der Tiere, bei denen sich die Schauspieler richtiggehend verwandeln, auch, wenn diese kaum handlungstreibend wirken. Eine so überzeugende Darstellung eines Schweines auf der Schlachtbank wie Isabella Knöll sie vorführt (noch dazu einen Tweedmantel tragend) hätte ich kaum für möglich gehalten. Ansonsten sind Lukas Watzl als Sikora und beinlose Hure Gisela, und Lisa-Maria Sommerfeld als joviale Sikoramutter und keifende Ehefrau Gusti besonders großartig.

»SCHWERE KNOCHEN« spielt es im Februar alle paar Tage, ab dann in größeren Abständen bis 23. April.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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