THEATER

Zwischen Leidenschaft und Emanzipation

In der Josefstadt wird Schnitzler gespielt. Arthur Schnitzler ist in Wien kein selten gespielter Autor, schließlich sind seine Biographie und seine Karriere stark mit der Stadt verschmolzen. Gleichzeitig bietet sich Schnitzler auch für Gesellschaftskritik gut an, schließlich haben seine Werke schon zu Lebzeiten wegen ihrer Freizügigkeit für Skandale gesorgt.

"Zwischenspiel" war eines der skandalöseren Stücke von Schnitzler. Immerhin geht es um Treue in der Ehe oder genauer: den ehrlichen Umgang mit einem Mangel davon. Die Frage, was eine offene Ehe ist und ob sie rein freundschaftlich funktionieren kann, kann mit Rücksicht auf die heutigen Scheidungsstatistiken ja sehr wohl als aktuelle gesehen werden. Kommt eben darauf an, wie sie umgesetzt wird.

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"Zwischenspiel" in der Josefstadt, Foto (c) Herwig Prammer

Die Josefstadt setzt dabei immer wieder auf sehr klassische Inszenierungen, so auch bei SCHNITZLER. So ist beispielsweise der Text im Original, was aufgrund der Sprachmelodie eine nette Abwechslung ist. Schnitzlers Jahrhundertwende-Dialoge schwanken zwischen Nostalgie und Ironie, auf der Bühne wird der Text immer wieder mit Wiener Dialekt versetzt, lediglich die Gestik ist sehr zeitgenössisch. Wenn es um den Kaiser geht oder Telegramme empfangen werden, ist das zwar seltsam, überwiegend erhält es dadurch aber einen fast schon romantischen Touch. Außerdem kommt so Schnitzlers Witz nicht nur auf heutige Kritik übersetzt durch, sondern bleibt wortgetreu erhalten.

Ein Ende oder ein Neuanfang?

Wobei Zitate in diesem Kontext wohl unterhaltsamer sind, wenn sie tatsächlich einen Kontext haben. Die Kurzfassung also. Cäcilie (MARIA KÖSTINGER) und Amadeus (BERNHARD SCHIR) sind verheiratet. Schon länger, die beiden haben ein Kind, er ist Kapellmeister, sie Sängerin. Es kommt zwar erst im Laufe des Stückes heraus, wie die Situation über Jahre hinweg zur jetzigen wurde, doch beim ersten gemeinsamen Auftritt der beiden gibt es nur einen Gedanken: "Was für eine kalte Ehe".

Schir und Köstinger gemeinsam auf der Bühne wecken zwar Assoziationen zu den Vorstadtweibern, der Plot ist aber doch eindeutig anders. Die Kälte der Ehe führt jedenfalls zu einer Erkenntnis, also versuchen die beiden quasi eine offene Ehe. 1906 eine frevelhafte Idee, heute ein Thema, das leicht Diskussionen wecken kann und nicht mehr ganz so unüblich ist.

An dem Punkt kommt der Josefstadt allerdings ihr Publikum in den Weg. Das Bühnenbild ist zwar schlicht und modern, mit beweglichen Spiegeln werden die Szenenwechsel auch flüssig umgesetzt. Inhaltlich, nun ja. Wo der Vorteil an Originaltexten liegt, liegt auch der Nachteil. Phasenweise wünscht man sich im Publikum – subjektiv gesprochen – doch etwas eindeutigere Ansagen. Höflichkeit, um die Freundschaft zu erhalten, in allen Ehren, aber irgendwann will man den anderen anschreien. Wobei auch hier der Aufbau einen großen Anteil nimmt. Zwecks modernerer Ansprüche sind die drei Akte auf zwei Hälften aufgeteilt. Die erste dient der Plotentwicklung, die zweite der Unterhaltung.

Ich liebe dich, ich hasse dich

Genauer gesagt ist die erste der Trennung und der Entwicklung der getrennten Wege gewidmet, die zweite der Leidenschaft. Amadeus übernimmt dabei den Mann, der sich nimmt was er will und irgendwann mit Folgen leben muss, Cäcilie die Selbstfindung. Klassische Rollenaufteilung im heutigen Trennungsnarrativ, soweit man es aus Literatur, Theater und Film kennt. Doch statt der Emanzipation wird so viel Zeit auch mit zwei Männern – Amadeus und seinem sozusagen Widersacher – verbracht, die das Leben der Frau nach ihren Vorstellungen untereinander aufteilen.

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"Zwischenspiel" in der Josefstadt, Foto (c) Herwig Prammer

Schnitzler hat mit ZWISCHENSPIEL für damals visionäre Ideen auf die Bühne gebracht und Rollenbilder in Frage gestellt. Der Inhalt wird zwar umgesetzt, doch neue Visionen sind in der Inszenierung kaum dabei. Die Schauspieler sind großartig, Schir und Köstinger vermitteln Leidenschaft, Sturheit und Verzweiflung. Aufheiterung gibt es zwischendurch in Form ironischer Anmerkungen von JOSEPH LORENZ, der als Amadeus' bester Freund das Geschehen fast zynisch kommentiert, die weiteren Nebenrollen glänzen zumindest inhaltlich eher durch Unauffälligkeit und erfüllen Hilfsfunktionen. Dennoch: das Wichtigste an dem Stück fehlt. Der Gedanke des 21. Jahrhunderts wurde nicht in den Plot eingebracht.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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