THEATER

Die Staatskünstler in der Weltenkrise

Die Theater haben wieder offen und auch Kabarettisten dürfen wieder auf die Bühne. Im Rabenhof führt das zur alljährlichen Neuauflage der Staatskünstler mit vielen Einblicken in die politischen Abgründe.

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© Rabenhof

In Corona-Zeiten in das Theater zu gehen ist seltsam. Zwar nur für die ersten paar Minuten des Vorstellungsbeginns, wenn man sich dessen richtig bewusst ist, aber immerhin. Der Vorteil an den Sicherheitsmaßnahmen ist allerdings, dass man teilweise mehr Platz als üblich hat und die Nebensitze frei sind – die werden nur bei gemeinsamen Kartenverkauf nebeneinander vergeben. So gesehen steht dem ganzen Abend nach fünf Minuten Eingewöhnungszeit nichts mehr im Wege.

Die Staatskünstler sind grundsätzlich eine gute Wahl, weil wenig schief gehen kann. Seit fast zehn Jahren macht das Trio aus Maurer, Scheuba und Palfrader die Nummer und im Prinzip sind sie seit genauso vielen Jahren damit erfolgreich. Das Konzept war bisher für Zuseher*innen oft zuerst auf den ORF ausgelegt, die Filmeinspielungen gehören zu den Sendungen, im Theater wirkt es dennoch immer ein bisschen anders. Andererseits muss man auch den Staatskünstlern zu Gute halten, dass sie immerhin nur ihr nicht ganz so unübliches Programm auf ähnlichem Niveau halten.

Klassiker neu aufgelegt

Motto im Rabenhof ist "Jetzt erst Recht! reloaded: Koste es, was es wolle". Grundkonzept ist damit das Programm des vergangenen Jahres, mittlerweile bilden aber die Coronakrise und natürlich die daraus folgenden politischen Umstände die Basis für die aktuelle Version. Was Kabarett mittlerweile viel schwieriger macht, ist aber auch die Aktualität. Über Corona, die Schutzmaßnahmen und Sebastian Kurz kann man immer Witze machen, der Wienwahlkampf bekommt aber auch eine große Rolle in dem Stück. Schätzungsweise sind die schon für die weiteren Vorstellungen angepasst worden, die es gab ja nicht nur im Wahlkampf ein paar Vorlagen für Witze. Aber auch das ist ein Zugeständnis, das Künstler erst einmal an ihr Programm machen müssen.

De facto gibt es dadurch aber einige Punkte, die negativ auffallen. Kabarett kommt immer mehr zu dem Punkt, an dem es überflüssig wird, schließlich übernimmt die Realität die Aufgabe von Satire. Das macht Kabarett zu einem Programm, wo es immer weniger Bedarf nach originalen Witzen gibt, vieles braucht gar nicht mehr in Satire übersetzt zu werden. Wohl deshalb gibt es bei fast allen politischen Kabaretts und auch bei den Staatskünstlern mittlerweile die Rubrik "Lustige Bilder und Zeitungsartikel aus der Politik herzeigen". Tragisch wird es erst, wenn Zuschauer*innen im Programm Witze entdecken, die sie vorher schon auf Twitter gesehen haben. Ungut, aber bei FPÖ-Wahlplakaten als Thema nicht unverständlich, ewig oft kann man das Rad ja nicht neu erfinden.

Zu klassischen Beiträgen im Kabarett gehören meist auch Imitationen, klarerweise sind dabei Politiker das beliebteste Ziel. Teilweise funktionieren die sehr gut, manche Aspekte an Sebastian Kurz sind dabei zu überspitzt beziehungsweise lutscht sich auch so ein Witz nach einer gewissen Zeit aus. Wesentlich stärker sind dafür die Teile, in denen die Staatskünstler originale Charakter erfinden und spielen, bei denen zeigt sich das tatsächliche Talent der Gruppe. Ebenso erwartbar aber weitaus unterhaltsamer als Kurz-Parodien sind die Bestandserhebungen zum Zustand der SPÖ.

Grundsätzlich ist der Bewegungsspielraum bei politischem Kabarett aber eben eingeschränkt und in Österreich schon seit Jahren auf die selben Themen fokussiert. Die ÖVP und Macht, die SPÖ und ihr Versagen, die Positionen der Grünen (die zugegeben jetzt in einem Licht stehen) und die FPÖ und ihre Einzelfälle. Die Frage ist nur, inwiefern diese Themen neu aufgezogen werden können. Die Staatskünstler haben dabei meist ein ganz gutes Gespür und schaffen neue Zugänge, besonders die Grünen in Regierungsverantwortung bieten dafür neue Ansätze. Wichtig ist außerdem ein gewisses Maß an Selbstironie, auch da können die drei mithalten.

Balanceakt mit absehbaren Ende

Schwieriger wird es bei dem Versuch, Generationenkonflikte zu erklären. Medial wird oft genug diskutiert, wie unterschiedliche soziale Medien wahrgenommen werden und welche Rolle sie für verschiedene Altersgruppen spielen. Kern dabei ist aber immer wieder, dass junge damit seltsam umgehen und der Umgang für Ältere nicht nachvollziehbar ist. Und natürlich kann auch dieser Aspekt reine Satire sein, aber ein bisschen cringy – um als knapp zu alte Autorin im passenden Schreibstil zu bleiben – wird es doch, wenn Männer über 50 versuchen zu zeigen, wie Youtube-Influencer für Politik verwendet werden könnten.

Stark strapaziert ist mittlerweile auch die Ibiza-Affäre. Natürlich ist sie ein Paradebeispiel der aktuellen Politik, wie die echte Welt bessere Ansätze für Satire schreibt, als Kabarettisten es je könnten. Andererseits führt da eben zu permanenten Belastungen der Witze und teilweise sind sie mittlerweile nur mehr schwierig zu hören. Erstaunlicherweise haben die Staatskünstleres aber dennoch geschafft, einen neuen Ansatz zu finden und die Geschichte neu zu erzählen.

Die Staatskünstler reloaded sind also genau das was der Titel verspricht. Klassisches Kabarett mit aktuellen Ansätzen, die Inhalte werden aber auch oft auf eben diese klassische Weise vermittelt. Das Innovationspotential hält sich damit einigermaßen in Grenzen, allerdings geht wohl kaum jemand fast zehn Jahre nach Entstehung eines derartigen Formates hin, um revolutionäre Inhalte zu sehen. Besonders wichtig ist aktuell aber das Publikum. Und schon am ersten Applaus beim Betreten der Bühne ist erkennbar: nicht nur Künstler haben diese Bühne vermisst. Sondern auch das Publikum und alleine dafür zahlt sich ein Besuch aus. Und immerhin gibt es keine enttäuschenden Szenen, sondern die langweiligsten Pointen sind das nur, weil sie absehbar ist. Bei solider Grundarbeit muss das zwischendurch aber auch erlaubt sein, immerhin bietet das Programm genügend Höhepunkte.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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