THEATER

Der Vorteil ist, dass wir denselben Vogel haben

Seit 2018 mischt das Schauspielkollektiv DAS SCHAUWERK die Linzer Kleinkunstszene auf. Doch als die Theater Mitte März für unbekannte Zeit ihre Türen schlossen, musste die Truppe ihre Auftritte kurzum auf Instagram verlegen, und kreierte damit ein neues Genre: den "sozial distanzierten Insta-Krimi". Dieser überzeugte auch im Rahmen unseres Calls ETC. sucht ETC. Während eines Skype-Gesprächs mit vier SCHAUWERK-Mitgliedern haben wir nun erfahren, wie überrascht sie von den Publikumsreaktionen waren, was die Linzer FPÖ mit ihrer Entstehungsgeschichte zu tun hat, und warum die Corona-bedingte Digitalisierung zu einer kleinen Theaterrevolution führen könnte.

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© Andreas Kurz

Das Geschichtenerzählen, so der britische Theaterregisseur Peter Brook, lebt von Nähe und Distanz: "Wenn es keine Distanz gibt, wirst du nicht staunen, und wenn es keine Nähe gibt, wirst du nicht berührt sein." Genau diese Nähe wird aber über Nacht unmöglich, als die Covid19-Pandemie ab Mitte März auch in Österreich weitreichende Einschränkungen des Kulturbetriebs erfordert.

Während die großen Schauspielhäuser erste Krisenstäbe einberufen, stellt sich auch das junge Linzer Theaterkollektiv DAS SCHAUWERK die Frage, wie es weitergehen soll. 2018 machte die Truppe mit ihrem clever betitelten Erstlingswerk "Irgendwo dazwischen oder der Linzerwertigkeitskomplex" bei der Linzer Langen Nacht der Bühnen auf sich aufmerksam. Von 2019 an bespielen sie monatlich das Late-Night-Programm "zugabe@schnittwoch" im Theater Phönix, das seit Ende der 80er das oberösterreichische Zuhause unkonventioneller und gesellschaftskritischer Inszenierungen ist. Darüber hinaus wirken die Mitglieder des Kollektivs – Stefanie Altenhofer, Sarah Baum, Anja Baum, Julia Frisch, und Stefan Parzer – seit Jahren auf und hinter der Bühne an unterschiedlichsten Theater-Produktionen mit. Sie sind Rampensäue, wie sie mir später erzählen werden. Aber was tut die Rampensau ohne Rampe?

"Ihr sads so deppad!"

"Ein paar nette Leute, die uns schon öfter gesehen haben, haben uns gefragt, kommt da jetzt was in der Corona-Zeit?", erzählt Sarah Baum, von den anderen liebevoll als "unsere Social-Media-Expertin" betitelt. "Wir wollten ein Projekt, das uns als Verein auch in unserer Arbeit weiterbringt, und Instagram so nutzen, wie man es normalerweise nicht unbedingt nutzt, und zwar um mithilfe der Story-Funktion Geschichten zu erzählen." Keine kleine Herausforderung: einen kompletten Handlungsbogen zu spannen, der mitreißt und unterhält, nur plötzlich im Korsett des streng getakteten 15-Sekunden Formats einer Instagram-Story. Und das im digitalen Vergnügungspark Social Media, in dem permanent eine Lawine an Bildern und Videos um die Aufmerksamkeit der User*innen buhlt.

Ohne einen genauen Plan, machen sich die SCHAUWERK-Mitglieder ans Werk und schreiben ihren ersten Insta-Krimi, "Irgendein Clue und das unbeschreibliche Werk". Jede*r filmt sich selbst – oder auch die nicht immer kooperativen Haustier-Akteure – und die gesammelten Clips werden zu einer amüsanten Mini-Saga über die kettenrauchende Detektivin Chloe Cluedo und ihre Gegenspielerin Katty Kornflakes. Inkludiert sind auch interaktive Elemente, über die Fans wie in guten alten "Tom Turbo"-Zeiten mitraten können. "Allein beim Posten einer Folge sind wir teilweise drei Stunden gesessen", erinnert sich Stefanie Altenhofer. Aber der Arbeitsaufwand lohnt sich, und die für das Kollektiv überraschend enthusiastischen Reaktionen der Zuschauer*innen – von bis "Sehr geil" hin zu "Ihr sads so deppad!" – sprechen für sich. Kein Wunder also, dass die zweite und vorerst letzte Episode, "Irgendein Clue und die Workout-Experience", direkt folgte. (Aber keine Sorge, liebe Chloe Cluedo Fans, die Figuren sind "noch nicht gestorben", wie Sarah mir verrät).

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"Irgendein Clue" Insta-Krimi © DAS SCHAUWERK

Vielleicht funktioniert der Insta-Krimi gerade deshalb, weil er nicht perfekt ist, und somit wie gemacht für das turbulente Jahr 2020. "Wir haben ja auch gespielt mit dieser Distanz", erklärt Stefanie. "Es war nicht unser Anspruch, dass es komplett flutscht wie bei einer Filmszene. Die Leute wissen, dass wir alle in unseren Wohnungen sitzen, dass wir das nicht gemeinsam drehen. Wir wollten das auch auf eine humoristische Weise bedienen." Anja Baum, die beim SCHAUWERK für die Regie verantwortlich ist, stimmt zu: "Wir haben immer großen Spaß daran, an allen Situationen die Absurditäten aufzudecken, und damit zu spielen, dass jetzt diese Außensituation rundherum so absurd geworden ist." Genau diese Freude am "Teamsport Theater", von dem Stefanie spricht, hat überhaupt zur Gründung des SCHAUWERKS geführt …

"Wir haben ein bisschen denselben Vogel"

Frühjahr 2018. Stefanie Altenhofer, Beate Korntner und Sarah Baum bewohnen temporär ein Haus in Bad Ischl, wo sie auf und hinter der Bühne an einer Theaterproduktion mitarbeiten. Eine Idee spukt ihnen allen schon länger im Kopf herum: "Wir möchten gern amal was Eigenes machen!" In Anja Baum und Stefan Parzer finden sie Gleichgesinnte, und schon meldet sich die Gruppe kurzentschlossen bei der Langen Nacht der Bühnen in Linz an, die ihm November 2018 stattfinden soll. (Mittlerweile hat Beate die Gruppe gen Deutschland verlassen, dafür ist Julia Frisch mit von der Partie).

Es bleiben fünf Monate, um die neue Schauspielgruppe zu formieren und ein Stück zu entwickeln. Easy, oder? "Wir haben all diese Ideen, die schon eine Zeit lang in unseren Köpfen herumgesponnen sind, gesammelt, und zeitgleich war da grade noch ein großer Denkanstoß für uns, dass es in Linz eine sehr seltsame politische Kampagne gegeben hat, von der FPÖ, 'Stolz auf Linz', die uns alle sehr sauer aufgestoßen ist, und wo wir uns schon sehr bemüßigt gefühlt haben, unsere Meinung dazu abzugeben," sagt Anja. Diese Aktion der Linzer Freiheitlichen Partei war es, die unter anderem ihr erstes Stück "irgendwo dazwischen oder der Linzerwertigkeitskomplex" inspirierte, eine kritische und humoristische Aufarbeitung der kollektiven Neurosen der Oberösterreichischen Landeshauptstadt.

Ein Stück erarbeiten, unter Zeitdruck und in einer neuen Formation, verlief das reibungsfrei? Natürlich nicht, sagt Stefanie, "aber das ist glaube ich auch unsere Stärke, wir haben viel kommuniziert und diskutiert, und es war dann in dem Entstehungsprozess von dem Stück klar, dass wir alles auf einen Haufen werfen, dass wir ausprobieren, und dass die Anja die Regisseurin ist, die einen Blick von außen hat. Aber es ist bei uns nicht so total hierarchisch wie bei einer normalen Theaterproduktion, weil wir uns als Kollektiv empfinden. Das ist wirklich der Vorteil, dass wir ein bisschen denselben Vogel haben."

Regie ohne Hierarchie – geht das?

Den gegenseitigen Respekt und den eingespielten Rhythmus merkt man übrigens auch während unseres fünfköpfigen Skype-Anrufs, in dem Antworten nahtlos ineinandergreifen, und niemand augenscheinlich den Ton angibt. Das ist in der Theaterszene nicht immer so. "Mir ist es oft widerfahren, dass ich mir gedacht hab, wenn ich in diesem Beruf arbeiten möchte, dann bin ich scheinbar so wie ich ausschaue, als junges Mädel, blond, ganz oft abgestempelt und muss mich ganz oft in eine gewisse Position rücken lassen, weil ich sonst keine Jobs krieg", erzählt Sarah. "Aber es geht anders. Es ist für mich die herrlichste Arbeit, die es gibt, mit Menschen, die ganz respektvoll miteinander umgehen und eine sehr schöne Vision von dieser Kunstszene haben."

Trotzdem, ihre Idee von einer eigenen Schauspielgruppe umzusetzen war anfangs ziemlich einschüchternd. Für Stefanie war es wichtig, andere Menschen zu finden, die ihre Leidenschaft teilen, und sich eine Deadline zu setzen. "Wir haben auch als unser Motto auserkoren, dass wir uns alle miteinander viel weniger scheißen müssen", bringt es Anja auf den Punkt. "Da Gleichgesinnte zu finden, die einem sagen, da gibt es schon etwas was du kannst, du machst das nicht erst seit gestern, du darfst dich das trauen, du darfst dir diesen Raum nehmen, das ist wichtig." Julia Frisch sieht das ähnlich: "Wenn’s in die Binsen geht, dann mit Schmackes und Spaß, und es ist überhaupt nicht in die Binsen gegangen, und das ist das Allerschönste."

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"Irgendwie verschwitzt" bei der zugabe@schnittwoch © Waltraud Walchshofer

Außerdem fußt das SCHAUWERK auf dem soliden Fundament jahrelanger Erfahrung. Die Mitglieder der Gruppe sind professionell ausgebildete Theaterschaffende, die über die Jahre an zahlreichen Projekten, hauptsächlich in Oberösterreich und Wien, mitgearbeitet haben. "Diese Sicherheit, die wir schon haben, die kommt nicht von irgendwo", betont Anja. "Dieses Vertrauen, das uns da [vom Theater Phönix] entgegengebracht wurde, dass wir einen Spielplatz bekommen für unser eigenes Ding, ist das Beste was uns passieren hat können, aber das haben wir uns schon auch sehr lange und hart erarbeitet."

Wie der Lockdown das Theater nachhaltig verändern könnte

Wie in vielen anderen österreichischen Spielstätten, gibt es aktuell auch im Theater Phönix wieder Aufführungen, natürlich unter strengen Corona-Sicherheitsmaßnahmen. Als direkte Konsequenz gibt es DAS SCHAUWERK seit Kurzem auch im großen Saal zu sehen, eine Tatsache, die Julia zum Schwärmen bringt. "Die Scheinwerfer wurden für uns angeknipst, und auch wir waren deutlich angeknipst. Es war so eine Euphorie da und es war so spürbar, dass alle Leute unendlich happy sind jetzt wieder Theater erleben zu können. Und bei unserem Medley stehen alle auf und die Hände gehen mit – Oh Gott! – das war ein unglaublich schönes Erlebnis." Ab 28. November spielt DAS SCHAUWERK wieder "Irgendwo dazwischen oder der Linzerwertigkeitskomplex" im Theater Phönix, diesmal in einer XXL-Version. Außerdem arbeitet die Truppe bereits an ihrem nächsten Projekt für die Saison 20/21: das Stück mit dem Arbeitstitel "Generation WHY" wird sich gewohnt augenzwinkernd mit der Frage auseinandersetzen, welchen Beitrag die Kohorte zwischen Baby-Boomern und "Fridays For Future"-Demonstrierenden eigentlich leistet.

Auch abseits der Bühne hinterfragt DAS SCHAUWERK die bestehenden Machtverhältnisse in der Kunstszene, vor allem wenn das Theater ein jüngeres Publikum ansprechen will. Immerhin ist der durchschnittliche Theaterbesuchende im deutschsprachigen Raum über 50 Jahre alt. "Ich habe schon das Gefühl, es passiert ein Ruck in der Kultur- und Theaterszene", meint Anja, "und das finde ich auch sehr notwendig". Deshalb habe der aktuelle Zwang zur Digitalisierung eventuell auch sein Gutes. "Vielleicht ist das jetzt der Anstoß gewesen, dass sich das Ganze neu erfinden muss. Ich spüre gerade mehr Interesse vom Publikum an neuen Erzähl- und Darstellungsformen, und darauf habe ich als Zuschauerin und als Theaterschaffende total Bock."

EDIT: Im Oktober 2020 wurde das SCHAUWERK mit dem Anerkennungspreis des Landes Oberösterreich für Bühnenkunst ausgezeichnet. Chapeau!

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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