THEATER

Ein Klassiker neu auf der Bühne

Andreas Vitasek ist mittlerweile schon länger eine der beständigen Größen des österreichischen Kabaretts. Im Rabenhof bringt er jetzt nicht ein neues Programm auf die Bühne, sondern belebt den wohl größten Kabarettisten des Landes wieder: Helmut Qualtinger.

Wenn die Welt untergeht, ziehe ich nach Wien, dort passiert alles 30 Jahre später. Es ist zwar unklar, ob das Zitat ursprünglich von Karl Kraus oder Gustav Mahler stammt, aber beim Grundsatz der Zeitverschiebung ist man sich einig. Mit "Der Herr Karl" versucht Andreas Vitasek jetzt das berühmte Stück von Helmut Qualtinger und Carl Merz 60 Jahre später noch als genauso aktuell zu interpretieren. Die Anpassungen dafür sind sehr marginal und wirken, als ob es sich nur um einzelne Wörter handelt. Der Anteil an originalen Pointen ist damit dementsprechend hoch, wodurch die Inszenierung phasenweise wie ein Test des Publikums wirkt: Wie sehr hat sich die Mentalität der Wiener*innen in der Zeit verändert?

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© Chili Gallei / Rabenhof

Geschichte im Heute

Grundsätzlich gilt natürlich: Ein guter Witz ist ein guter Witz, ist ein guter Witz. Aber irgendwie ist die Zeit doch weitergegangen. Zugegebenermaßen nicht unbedingt bei Schmähs über "die Mädels", mit denen man im Laufe des Lebens immer wieder Spaß haben kann. Pseudoverruchte Anekdoten, die mehr über den Gesichtsausdruck als über tatsächliche Worte transportiert werden, werden ja auch heute noch als übliche Altherren-Anekdoten belächelt, da kann nicht viel falsch laufen.

Andere Aspekte sind mehr in der Geschichte verhaftet, Anspielungen auf den Justizpalastbrand oder die Wirtschaftskrise kann man nicht ganz aus der Zeit nehmen. Aussagen wie "wir hatten ja nichts" sind aber bis heute in der österreichischen Mentalität verhaftet und allgemeingültig. Dementsprechend gut funktionieren sie und auch, dass in der Wirtschaftskrise mangels Arbeitsmöglichkeiten mehr Zeit in Wirtshäusern verbracht wird passt zu österreichischen Klischees. Einige Anekdoten wiederholen aber schon sehr ausgebeutete Klischees, wodurch im Publikum nur vereinzelte Schmunzler zu vernehmen sind.

Nachdem Qualtinger chronologisch durch das Leben des Herrn Karl führte, kommt auch für Vitasek der unvermeidbare Tabupunkt: Die Nazis. Und Witze über Nazis oder selbst Naziwitze funktionieren auch heute noch im Kabarett, die politische Reflexion über diese Jahre hatte in den frühen 60ern noch einen ganz anderen Blick auf die Zeit. Natürlich einen weitaus abwiegelnderen als heute. "Es waren ja eh alle Nazis und ich selbst habe gar nichts Schlimmes gemacht" scheint als Subtext durch, eine Einstellung, die ein heutiges Publikum ganz eindeutig nicht mehr so gerne sieht. Es gibt zwar vereinzelt Reaktionen auf die unterhaltsame Anekdoten aus der Zeit - also wieder Frauengeschichten -, aber als erste Reaktion merkt man, wie sich im Publikum Spannung breit machen. Vielleicht auch deshalb kommt es zwischendurch zu kleineren Tiefs in der Vorstellung, die Nacherzählung des Anschlusses kann von der Publikumsreaktion her aber höchstens als Rohrkrepierer bezeichnet werden.

Besser funktionieren die Frauengeschichten und davon gibt es einige. Der gute Herr Karl war schließlich dreimal verheiratet. Auch wenn er wegen der Beziehung umgezogen ist, hat er doch immer seine Gemeindewohnung im Rabenhof behalten – er ist ja nicht blöd. Beziehungsgeschichten sind auch im heutigen Kabarett wie eh und je verbreitet, die Witze über die Rolle der Frauen haben sich aber doch ziemlich geändert. Aussagen wie, Frauen sind der gebende Teil der Beziehung und Männer der herrschende, kommen heute nicht mehr so gut an, erst Recht nicht beim ziemlich liberalen Publikum im Rabenhof.

Schauspielerische Leistung statt Kabarett

Zu viel aus dem Leben des Herrn Karl sollte aber doch nicht im Vorhinein erzählt werden. Das ist schließlich die Aufgabe von Vitasek. Aufgrund der Originaltexte ähnelt das Stück aber mehr einem Theatermonolog und weniger zeitgenössischem Kabarett, daher sollten auch die Erwartungshaltungen an den Inhalt schon im Vorhinein angepasst werden.

Vitaseks Spielweise ist dafür ausgesprochen solide. Tonfall, Gestik und Mimik passen zur Rolle des älteren Erzählers, der mit Lausbubencharme aus seinem Leben erzählt. Und vielleicht geht es deshalb gar nicht so sehr darum, eine gute Geschichte ins Heute zu bringen, sondern für eine Stunde das alte Wien wieder aufleben zu lassen und den Leuten fast ausgestorbenen Charme des Gemeindebaus wieder auf die Bühne zu bringen. Und die schauspielerische Leistung hat auch Respekt verdient.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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