Vom Belvedere bis zum Mexikoplatz: Wien auf polnisch

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In Herrn Kukas Empfehlungen bringt Radek Knapp polnische Wurzeln und Wiener Alltag unter einen Hut, dabei beginnt die Geschichte gar nicht in Wien. Stattdessen beginnt sie mit dem Wunsch Waldemars, endlich einmal aus Warschau herauszukommen und den Westen zu sehen – schätzungsweise ein damals weit verbreiteter Wunsch unter 18-Jährigen. Genau mit diesem Wunsch beginnt schon das Drama, das auf Herrn Kukas Empfehlungen zurückzuführen ist. Vielleicht sind Vodka-verliebte alte Nachbarn auch nicht unbedingt die besten Ratgeber, aber hätte Waldemar auf seine Eltern gehört, wäre er wohl nie aus Warschau weggefahren. So handelt er sich aber zwei Monate Aufenthalt aus, bekommt ein bisschen Startkapital und steigt mit Herrn Kukas Empfehlung in einen "fahrenden Kühlschrank" ein, wie der Bus aussieht. Im Kopf des Lesers entsteht das Bild eines Autobusses aus den frühen 1980ern, blauer Lack, auf der Seite steht statt "Dream Travel" nur noch -RE-M –VEL. Ideal also, um ein Abenteuer zu starten, wenn man mit 18 das erste Mal die Welt entdeckt.

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Radek Knapp, "Herrn Kukas Empfehlungen", 2001 erschienen im PIPER Verlag

Abenteuer Wien

Um der Artikel-Serie treu zu bleiben sparen wir uns die Grenzkontrolle und landen gleich in Wien. Endstation der Fahrt: die polnische Kirche gleich beim Belvedere. Um ein paar Klischees zu bedienen hat der gute Herr Kuka Waldemar ein Mitbringsel für den Pfarrer über die Grenze schmuggeln lassen, ohne das dieser es wusste. Und um Herrn Kuka gleich noch vertrauenswürdiger zu machen, stellt sich seine Empfehlung vom Vier Jahreszeiten als Übernachtungsmöglichkeit als die Parkbank beim "Springbrunnen der Vier Jahreszeiten" im Belvedere heraus. Die Stelle wäre zwar ideal, um die Spiegelung der Stadt in der Literatur zu beschreiben, aber im Belvedere gibt es keinen Springbrunnen mit Statuen der vier Jahreszeiten. Dafür gibt es kleine Ecken zwischen Büschen, in denen man sich gut vorstellen kann, im Sommer ein bisschen Zeit tot zu schlagen – auch wenn die leeren Zweige im Winter nicht so ideal dafür wirken.

Für die Gesamtsituation schlägt Waldemar sich die erste Zeit aber gar nicht so schlecht. Es ist immerhin Sommer und wer im kommunistischen Polen groß wird, kommt Knapp zufolge auch von einer Parkbank aus gut durch Wien. Wobei knapp den Schlosspark vom Belvedere wie ein sehr angenehmes Sommerquartier klingen lässt, auch wenn das Fotografieren von Touristen fast als Ausgleichsarbeit jeden Tag erledigt werden musste.

Wiener Mentalität und Multikulturalität

Ganz klassisch beginnt Waldemars Entdeckungsreise mit den Sehenswürdigkeiten. Riesenrad-Fahren, Schönbrunn-Tour, Stephansdom. Nachdem man aber auch von etwas leben muss und nicht ewig unauffällig zwischen Parkbüschen leben kann, macht sich Waldemar nach einiger Zeit doch auf den Weg zum Arbeiterstrich hinter Gerasdorf. Nachdem er dabei lernt, dass auch Polen sich in Wien gegenseitig übers Ohr hauen, lernt er gleichzeitig über den Zusammenhalt und kommt dabei zu einem zahlenmäßigen Abstieg vom dritten in den zweiten Bezirk. Wobei der Abstieg ein ziemlicher Aufstieg ist, weil Waldemar dank seines neuen Freundes Bolek in den zweiten Bezirk zieht und endlich ein Bett findet. Als Draufgabe bekommt er auch noch einen Job und der Schwerpunkt der Geschichte verlagert sich damit zum Mexikoplatz.

Was im Winter im grauen zweiten Bezirk schwer vorstellbar ist, beschreibt Knapp als für Waldemars Sommerferien aber idyllisch und der zweite Bezirk wird mit seinen Eigenheiten zu seiner kurzfristigen Heimat. Unterhaltsam beschrieben sind auch die Mitbewohner in seiner neuen Unterkunft, der polnische Bolek und Lothar aus Deutschland. Theoretisch wäre die Nationalität jetzt nicht sonderlich relevant, für ihr Zusammenleben und auch die herrlichen Charakterisierungen, was Wien mit der Psyche anstellt. Wobei nicht über die Vermieterin der drei geht, klassischerweise natürlich eine vorurteilsbehaftete Hofratswitwe.

So gesehen ist Knapps Werk fast mehr eine Ode an die Wiener Mentalität, als an die Stadt selbst. Dennoch: Viele Kleinigkeiten sind bildlich leicht vorstellbar. Die Ausflüge zu Aida, das kleine Spielzeuggeschäft am Mexikoplatz, die überfüllte U-Bahn und die Altbauwohnung mit der Toilette am Gang. Waldemar lernt in zwei Monaten die Funktionsweise der Stadt kennen, lernt die Rolle von Arbeit und Freundschaft neu kennen und macht erste Frauenbekanntschaften. Wie Knapp es beschreibt, also wie ein wirklich guter Sommer. Der Ehrlichkeit halber gehört dazu erwähnt, dass 18-Jährige nicht einfach so weglaufen und eine fremde Stadt erobern. Den Zeitunterschied merkt man deshalb nicht nur an der Währung, sondern auch, weil Waldemar seine Eltern zwischendurch von einer Telefonzelle aus anruft. Abseits dieser Kleinigkeit (tatsächlich im Singular) hat Knapp Wien aber so beschrieben, wie es sich heute anfühlt und damit einen zeitlosen kleinen Roman geschaffen. Nachdem Waldemar nur kurz in Wien ist und das Buch ausgesprochen kurzweilig ist, muss nicht alles von seinen Erlebnissen erzählt werden. Ein bisschen Inhalt muss schließlich für Leser*innen übrig bleiben. Nur so viel: auch ein fahrender Kühlschrank schafft den Weg zurück.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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