Schlaflos in der Josefstadt

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Dieser Artikel ist Teil unserer Serie WIEN LESEN »

Fast 100 Jahre ist es her, dass der Arzt Fridolin des Nächtens durch den achten Bezirk streifte, sich am Gallitzinberg (der heute eher unter dem Namen Wilhelminenberg bekannt ist) auf einen geheimen Ball einschlich und dabei die gehobene Wiener Gesellschaft empörte. In der »Traumnovelle« erforscht Arthur Schnitzler die erotische Psychologie einer gutbürgerlichen Ehe bzw. eines gutbürgerlichen Ehemannes der 1920er-Jahre.

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Arthur Schnitzler, »Die Traumnovelle« © Fischer Verlag

Ein Streifzug durch den achten Bezirk

Fridolin ist Arzt und lebt mit seiner jungen Frau Albertine und ihrem gemeinsamen Kind in Wien. Die Handlung setzt an einem Wintertag Anfang des Jahres ein. Fridolin und Albertine haben einen Ball besucht, dort beide mit anderen geschäkert, sind dann aber selbstverständlich gemeinsam nach Hause gegangen. Die außerehelichen Flirts haben jedoch beide sehr erregt und so ist die anschließend zusammen verbrachte Nacht um einiges leidenschaftlicher als üblich. Am nächsten Tag sprechen die beiden darüber und Albertine gibt leichtfertig zu, dass sie es schade findet, dass sie jungfräulich in die Ehe gegangen ist, während Fridolin zuvor einige sexuelle Erfahrungen machen durfte. 

Dass das dem Herrn Doktor nicht besonders schmeckt, muss wohl nicht extra gesagt werden. Doch Zeit zum Diskutieren bleibt nicht, denn er wird zu einem medizinischen Notfall in die Innenstadt gerufen. Nach getaner Arbeit geht der beleidigte Fridolin aber nicht gleich wieder nach Hause, sondern streift ziellos durch die Gassen und denkt darüber nach, mit fremden Frauen zu schlafen, während er gleichzeitig Albertine für ihre gedankliche Untreue ihm gegenüber verflucht. Dabei trifft er in einem Kaffeehaus schließlich auf einen alten Bekannten aus Studienzeiten, der ihm von einem geheimen Maskenball berichtet. Fridolin überredet seinen Spezi, ihm Zugang zum Ball zu verschaffen. Dort erlebt er einen Abend, der den Startpunkt einer Reise zu seinen eigenen, mehr oder weniger unbewussten, psychologischen Abgründen bildet. 

Genius Loci

Schnitzlers Werk ist in dem Sinne psychologisch, als dass im Zentrum seiner Erzählungen die inneren Vorgänge seiner Protagonisten stehen. Fridolins nächtliches Irren durch die Gassen kann als Streifzug durch seine eigenen Gedanken gelesen werden. Die Doppelmoral, mit der er Albertines (hypothetische) und seine (mehrmals im Verlauf der Geschichte nahezu real vollzogene) Untreue bewertet, zeigt aber in erster Linie patriarchale Egomanie. Das ist wahrscheinlich nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, aus welcher Zeit die Erzählung stammt. Mögen muss man die Figur Fridolin trotzdem nicht.

Was die Traumnovelle trotz durchwegs unsympathischen Protagonisten so charmant macht, ist, die detaillierte Beschreibung dessen jeweiligen Aufenthaltsorts in der Stadt. Fast immer weiß man ziemlich genau, wo sich der Herr Doktor gerade aufhält – ob in seiner Wohnung »in der Josefstadt nahe dem Allgemeinen Krankenhaus« (dem heutigen Uni-Campus) oder wenn er nach seinem Hausbesuch in der Schreyvogelgasse »den Weg durch den Rathauspark« nimmt, ob beim Maskenverleih in der Schlösselgasse oder beim geheimen Ball am Gallitzinberg/Wilhelminenberg. Schnitzler schafft es, sehr konkret Bezug auf das reale Wien zu nehmen, während er die Stadt zugleich metaphorisch als Abbild von Fridolins Psyche darstellt.

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Ungeachtet des aktuellen Lockdown-
Härtegrades kann man die Arthur-Schnitzler-Büste
im Türkenschanzpark besichtigen.

Psychogramm einer glücklichen Ehe

Die Traumnovelle empörte zum Zeitpunkt ihres Erscheinens 1926 die Wiener Gesellschaft, obwohl die erotische Thematik in Schnitzlers Werken an sich keine Überraschung hätte sein sollen. Schon um die Jahrhundertwende veröffentlichte Schnitzler das Theaterstück »Reigen«, das sich mit sexuellen Begegnungen quer durch die Gesellschaft beschäftigt. Die Uraufführung 1920/1921 schockierte das Publikum derart, dass die Aufführung des Stücks danach tatsächlich sechzig (!) Jahre lang verboten war.

Vielleicht lag der Grund für die Empörung auch anderswo: Wenn Schnitzler die charakterlichen Untiefen seines Protagonisten erforscht, zeichnet er das exemplarische Bild eines Ehemannes der besseren Gesellschaft seiner Zeit, was natürlich auf diese Gesellschaft im weiteren Sinne verweist. Fridolin, mit seinem gekränkten Ego und seinem Wunsch, trotz liebender Frau daheim ins Dunkel der Nacht abzutauchen, ist ein ganz normaler Kerl, kein abnormes Subjekt. Genau darum geht es in der Traumnovelle: Um die Feststellung, dass in jedem Menschen Abgründe lauern, die an Zwischenorten, in der Nacht oder im Traum, bemerkbar werden, wenn Unbewusstes und Bewusstes näher aneinander rücken. Diesen Abgründen müssen wir uns stellen, wenn wir Kontakt zueinander aufnehmen wollen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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