Oper ist wie Star Trek

Mit einem gedämpften Klick öffnet sich die Glastür, aber dank ihres mächtigen Rollkoffers dauert es, bis Katia Ledoux es durch den schmalen Eingangsbereich schafft. Die Mezzo-Sopranistin kommt aus Graz, wo sie gerade für "Amahl und die nächtlichen Besucher" probt. Falls sie müde sein sollte, dann ist davon nichts zu spüren. Das Erste, was an ihr auffällt, ist ihre warme, voluminöse Stimme. Sie lacht ungezwungen, spricht viel mit den Händen, und zwar besonders animiert, wenn es um ihre große Leidenschaft geht: die Oper.

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VON PARIS NACH WIEN
Geboren wird sie in Paris, genauer gesagt in der nordwestlich gelegenen Kleinstadt Levallois-Perret. Sie ist sieben, als ihre Familie nach Wien zieht. Die Frage nach ihrem Alter beantwortet sie ungern: "Mir wird gesagt, ich soll anfangen zu schummeln. Die Oper soll populärer gemacht werden, und damit erreichen uns auch die gesellschaftlichen Mainstreamideale: jung, schlank, und Ähnliches."

Als Dreijährige bekommt sie eine VR-Kassette von "Carmen", die populäre 1984er-Fassung von Francesco Rosi mit Julia Migenes und Plácido Domingo. Das Video läuft in Dauerschleife, und Katia weiß sofort: Sie will Opernsängerin werden. Rückblickend hatten wohl auch die anerkennenden Reaktionen der Erwachsenen Einfluss. Das mit dem Talent sieht sie sehr pragmatisch: "Ich bin mit der Idee aufgewachsen, dass ich eine coole Stimme habe, und irgendwann hatte ich dann eine coole Stimme." (Wenn sie heute Fremden von ihrem Beruf erzählt, hört sie oft: "Oper? Ich dachte, du machst Jazz! Oder vielleicht solltest du mal Gospel probieren?" Sie nimmt es mit Humor.)

Die nächsten Stationen: Schubertsängerknaben (weil die Wiener Sängerknaben damals noch keine Mädchen aufnahmen), dann Gesangsstudium. Ihre Eltern waren keine Opern-Kenner, sie fanden, wie viele andere, "dass klassische Musik etwas Schönes ist, für drei bis vier Minuten, aber danach wird's anstrengend." Später sitzen sie bei jeder Vorstellung im Publikum, auch wenn ihre Tochter den dritten Baum von links gibt.

OPER IST NICHT DIESES "SCHICKI-MICKI-FANCY-DING"
Warum hat die Oper so einen schlechten Ruf? "Viele sehen sie als diese Elitenkunst für alte, reiche, weiße Leute an, aber das ist nur deshalb so, weil diese Menschen die Oper lange für sich beansprucht haben." Tatsächlich, meint die Französin, ist Oper ein bisschen wie Star Trek. "Es gibt diese Nerds, die alle Folgen auswendig kennen und jede Anspielung vorhersehen. Aber auch jeder andere kann eine Episode 'Voyager' anschauen und Spaß haben." Ihr Tipp: Man muss nicht mit dem zwölf-Stunden-Wagner-Marathon in Bayreuth starten. Wer in Wien lebt, kann aus dem Vollen schöpfen, es gibt das Theater an der Wien, das "geniale Produktionen am fließenden Band einfach so aus dem Ärmel schüttelt", die Volksoper, die deutsche Übersetzungen spielt sowie die Neue Oper Wien und das Werk X mit ihrem Fokus auf zeitgenössische Musik.

ZWISCHEN BLACKFACE UND FEMINISMUS
Auffällig: In ihrer Aufzählung fehlt die Staatsoper? Katia Ledoux seufzt, sichtlich bemüht um eine diplomatische Formulierung. Manche fänden, dass die Oper für sich stehe, losgelöst von Zeit und Geographie, und somit möglichst originalgetreu aufgeführt werden solle. "Ich schätze die Staatsoper sehr, man kann extrem günstig hohe Qualität sehen. Aber es gibt wenig Abwechslung. Eine Otto Schenk-Inszenierung des 'Rosenkavaliers' aus 1968 ist immer noch Fixprogramm."

opernsängerin03Und das bringt sie zu einem weiteren Problem des klassischen Musikdramas: veraltete Ansichten. In Mozarts "Zauberflöte", zum Beispiel, ist Monostatos der Stereotyp des "brutalen, blöden, schwarzen Wilden". Einer jährlichen Tradition folgend führt die Staatsoper die Oper für Kinder auf, inklusive Monostatos mit schwarz bemaltem Gesicht. "Ich frag mich, wie ist das für ein schwarzes Kind im Publikum? Für mich funktioniert das heute nicht mehr. Wenn ich auf der Bühne stehe, und ich Emotionen im Publikum wecke, dann beruht das auf dem Konsens, dass wir gemeinsam etwas lustig oder traurig finden. Ich möchte aber nicht denselben Konsens mit heutigen Zuschauern wie mit einem Publikum des 18. Jahrhunderts, das rassistischen, transphobischen oder frauenfeindlichen Humor unterhaltsam fand."

Natürlich kann Oper auch hochaktuell sein. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist "Carmen", dessen Uraufführung knapp 150 Jahre zurückliegt. "Carmen als Frau ist ein Wahnsinn. Der Tenor ist völlig passiv, die Frauen in dem Stück sind Urgewalten. Carmen kritisiert Polizeigewalt, Xenophobie, und vor allem lässt sie sich nichts einreden, was ihre Sexualität und ihren Lebensstil betrifft." Aber es gibt auch gegenteilige Ansichten. "Viele Leute sind empathisch mit Don Jose, der sie am Ende umbringt. Sie finden, Carmen selbst ist für ihr Unglück verantwortlich, weil sie ihn in den Wahnsinn getrieben hat. Für mich sind da klare Parallelen zum heutigen victim blaming in der Weinstein-Debatte."

Trotz ihres Hintergrundwissens sieht die junge Sängerin sich eher als Instrument denn als Interpretin. Durch sie bringen Komponist, Dirigent und Regisseur ihre Kunst zum Ausdruck. Katia Ledoux hatte bereits das Glück mit großartigen Regisseuren wie Philipp Krenn, Beverly Blankenship, Dániel Foki oder aktuell mit Annette Wolf zu arbeiten, und deren Visionen gilt es zu verwirklichen.

DIE SCHATTENSEITEN
Dennoch, Oper ist mehr als der Applaus am Ende. Die meisten Künstler ringen mit denselben Dämonen: Stress, Lampenfieber, die Angst vor dem Scheitern. "Man sagt, es gäbe genau zwei Tage im Jahr, an denen die Stimme genauso klingt, wie sie klingen soll. Wir haben nur unseren Körper, wir können niemandem die Verantwortung zuschieben. Es ist schon brutal. An der Scala werden Leute ausgebuht, und falls es das nicht ist, dann liest du es am nächsten Tag in den Kritiken: dass du nicht singen kannst, dass das Kleid dich fett macht. Und dann hast du trotzdem noch 30 Vorstellungen vor dir, in demselben Kostüm."

Wie man damit umgeht, das hat Katia Ledoux noch nicht herausgefunden: "Es ist danach wirklich schwer, wieder aufzustehen. Aber irgendwann hast du diese Vorstellung, die magisch ist, wo es Klick macht und etwas fließt im Raum. Es klingt extrem esoterisch, aber es sind diese Momente, in denen ich weiß: Ich habe den besten Beruf der Welt." Dieser Glücksrausch kann jedoch süchtig machen, und für viele Künstler ist diese Sucht nicht die einzige, mit der sie kämpfen. Drogen, Alkohol – Mittel gegen die Nervosität oder den emotionalen Crash nach der Vorstellung. "Solange du nicht Anna Netrebko heißt, bist du nur ein Star, so lange du auf der Bühne stehst. Wenn du dich abschminkst, bist du alleine."

KUNST ODER KAPITALISMUS?
Zusätzlich gibt es den finanziellen Druck, und den kennt auch Katia Ledoux. "Es gab dieses Angebot von einem großen Haus in Österreich, zwar mit Gage, aber eine unbedeutende Rolle. Das andere Projekt war komplett unbezahlt, aber wahnsinnig spannend." Sie entscheidet sich für Letzteres, weil sie es kann; sie ist sich ihrer Privilegien bewusst: "Ich habe Eltern, die mich finanziell unterstützen können, aber nicht jeder hat diesen Polster. Für Selbständige wie mich sind zwölfstündige Probentage keine Ausnahme. Wie machen das Alleinerziehende oder Leute mit Nebenjob?" Der Beruf stellt auch enorme physische Anforderungen. "Wir haben keine Mikrofone, wir sind auf der Bühne in einem riesigen Raum mit Orchester, das ist die Benützung des Körpers auf höchstem Niveau."

Trotz der Herausforderungen kann die Sängerin sich keinen anderen Beruf vorstellen, obwohl sie jungen Menschen genau das rät: "Halte dir andere Wege offen. Dieser romantische Gedanke, der Künstler soll sich zu 100 Prozent seiner Kunst widmen, der funktioniert heute nicht." Sie selbst hat nebenbei auch Informatik studiert.

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Dennoch, die Oper ist und bleibt ihre große Liebe. "Meine Mutter hat früher immer zu mir gesagt, wenn man zum Geburtstag die Kerzen ausbläst, dann muss man sich seinen Wunsch ganz genau vorstellen. Und ich habe mir ausgemalt, in diesem großen Raum zu stehen in einem voluminösen Kleid, dann das jubelnde Publikum. Im Juli 2014 hatten wir Generalprobe für meine erste Solo-Rolle als Marcelina im Schlosstheater Schönbrunn. Dann stand ich dort, in diesem extrem barocken, pompösen Theater in Gold und Rot und Kitsch, und ich habe mir gedacht: Das ist es. Morgen ist Premiere. Das ist das schönste und merkwürdigste Erlebnis, wenn du jahrelang auf etwas hinstrebst, und plötzlich ist es da."

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"Amahl und die nächtlichen Besucher", Oper Graz: 10.-16. Dezember 2017

 

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